Kurt Russel hält sich wirklich wacker: Ohne eine Spur von Angst rennt er in brennende Häuser, kämpft sich durch dichten Qualm. Schlägt mit der Axt Türen ein und rettet Kinder und Frauen vor dem Flammentod. Ein Mann, der durchs Feuer geht. So lautet auch der Untertitel der Hollywood-Hymne auf die Feuerwehr, in der Russel die Hauptrolle spielt: Backdraft, ein Film, den wohl die meisten Feuerwehrleute nicht nur einmal sehen.

Aber Christian Hubrich ist nicht zufrieden, hat Schwachstellen entdeckt: zu viele spektakuläre Einzelaktionen, zu wenig Teamwork. Und welcher echte Feuerwehrmann schlägt schon bei einem Auto die Scheiben ein, um den Schlauch durchs Wageninnere zu führen, den legt man doch übers Dach! Hubrich ist 24 Jahre alt und ein echter Feuerwehrmann: Sein Opa war schon einer, er selbst ist seit 14 Mitglied der freiwilligen Feuerwehr in Lenting, einem 4000-Seelen-Dorf in Bayern. Im vergangenen Herbst wurde er Brandmeister bei der Werkfeuerwehr der Esso Raffinerie Ingolstadt. Gelernt hat der quirlige Bayer eigentlich Chemiefacharbeiter, aber das Feuer war faszinierender, jetzt bekämpft er es hauptberuflich.

Deshalb ist er mit neun Kollegen von der Werkfeuerwehr für drei Tage von Ingolstadt nach Rotterdam gekommen. Denn nirgendwo sonst lässt sich löschen so gut lernen, lassen sich Katastrophen so wirklichkeitsnah simulieren wie bei Risc, dem Rotterdam International Safety Center. Das Übungsgelände liegt nahe beim Hafen. Rund 46 000 Quadratmeter groß ist das Mekka der Feuerwehren.

Alle pilgern sie nach Rotterdam: Berufs-, Freiwillige- und Werkfeuerwehren aus der ganzen Welt, aus Nahost, Afrika oder Europa. 24 000 jedes Jahr. 6000 davon aus Deutschland. Bei Risc bekommt jeder sein Inferno maßgeschneidert, gleich ob Raffineriebrand, Feuersbrunst auf einer Ölplattform oder ein schlichter Hausbrand - alles machbar. Laxere Umweltauflagen und Sicherheitsbestimmungen als in den meisten anderen Ländern und Sondergenehmigungen machen die großen Brände auf Probe möglich. "Risc ist Wahnsinn, das Höchste", schwärmt Hubrich. Und Klaus Ruch, Betriebsleiter vom Dienst, seit 1979 bei Esso in Ingolstadt, legt nach: "Theoretische Ausbildung haben wir in Deutschland genug - für die Praxis ist Risc das Absolute. Nur hier kann man erleben, was Flammen wirklich bedeuten."

Aber an diesem Mittwoch spielt erst einmal Schaum die Hauptrolle. Dick Klopper, einer der 13 Ausbilder bei Risc, bringt dem Trupp aus Ingolstadt in einer straffen Theoriesitzung bei, was sie schon immer über Schaum wissen sollten. Der 47-jährige Niederländer mit dem kleinen Schnauzer und den kurzen Sätzen erzählt von verschiedenen Schaumsorten: von Luftschaum, filmbildenden Schäumen, von zweckgebundenen Schäumen und von Bierschaum. Aber zu dem kommt man erst später. Klopper erzählt, dass unter Leichtschaum eine Person noch Luft bekommt, "auch wenn sie danach Seifenblasen atmet", und macht klar, dass bei einem Industriebrand die Flammen erst mal nicht im Mittelpunkt stehen. Es gilt, den Rest der Produktionsanlage zu retten, und das heißt: kühlen, kühlen, kühlen. Und dabei immer das Feuer wie einen Würfel betrachten - es kann von sechs Seiten wieder losgehen.

Kein Brand brennt gleich

Nach der Zigarettenpause geht es an die Praxis, an die "heißen Übungen", mit entsprechender Montur: Blaumann, schwarzer Helm, grauer Schutzanzug, "der wirkt flammenhemmend", sagt Klopper. Aber nur kurze Zeit. Draußen jagen Böen mit Windstärke neun dunkle Rauchfetzen über das Gelände. Die Ingolstädter halten ihre Helme fest und stemmen sich gegen den Wind. Der Weg führt vorbei an ausgebrannten Autowracks, einem Raffineriemodell einer angekokelten Ölplattform samt Hubschrauber, einem verkohlten Tanklastwagen, an dem ein verbranntes Körper-Dummy lehnt. Es stinkt nach Rauch, Ruß und Öl. Verbrannte Erde überall. Auch das Apartmenthaus Middenweg 37 sieht nicht gut aus. Schwarze Höhlen statt Fenster, vor den Eingängen liegen die Opfer für die nächste Übung. Aus den Blaumannleibern ragen Holzklötze als Köpfe.