Regina Halmich, 24, ist die erfolgreichste Profiboxerin der Welt. Seit sechs Jahren hält sie den Weltmeistertitel im Superfliegengewicht und Fliegengewicht. Die Karlsruherin gewann 25 von 26 Titelkämpfen gegen Frauen. Im Training kämpft sie auch gegen Männer, in der Öffentlichkeit ließ sie sich nur einmal darauf ein: Vor 7,5 Millionen Zuschauern boxte sie im Frühjahr 2001 gegen den Fernsehmoderator Stefan Raab und entschied den Geschlechterkampf ganz klar für sich

Natürlich haben meine Eltern keine Luftsprünge gemacht, als ich mit zwölf Jahren dastand und sagte: Ich will Kampfsport machen. Eine Freundin hatte mich zum Karatetraining mitgenommen, und irgendetwas in meinem Kopf hatte dort plötzlich angefangen zu arbeiten. Diese Besessenheit, diese Disziplin; wie der Trainer die Leute motivierte, sie forderte bis an den Rand der Erschöpfung: Das hat mich fasziniert. Kann ja nicht schaden, wenn ein Mädchen sich zu verteidigen weiß, hofften meine Eltern schließlich und zahlten mir Trainingsstunden.

Als ich dann viermal die Woche zum Karate ging, stellten sie die klassische Bedingung: Die Schule darf nicht darunter leiden. Ich lernte also mein Zeug und hatte auch einigermaßen gute Noten. Eine Spitzenschülerin war ich aber nie. Was ich suchte, war eine echte Herausforderung, und die fand ich nicht in der Schule; nicht einmal im Sportunterricht: Denn leider zählte dort zum Sport auch das Reck oder, zu allem Übel, Bodenturnen - und ich sah keinen Sinn darin, eine Rolle vorwärts zu machen und danach einen Handstand. Wo blieb die Action? Zehnmal mehr Spaß gemacht hat mir Hockey oder Volleyball. Da waren sie wieder, der Wettkampfgedanke und der Siegeswille: Ich möchte Erste sein, ich möchte in der guten Mannschaft spielen. Richtig aufgegangen bin ich aber nur im Kampfsport, das war die Schule, die mich prägte.

Mit 13 fing ich mit dem Kickboxen an. Zu Anfang noch heimlich, doch meine Eltern waren nicht blöd: Was sollte ich schon gemacht haben, wenn ich abends nicht nach einer, sondern nach zwei Stunden aus dem Studio kam, völlig verschwitzt, mit Boxhandschuhen unter dem Arm? Aber sie wollten mir den Spaß nicht nehmen. Sie besuchten das Studio, lernten den Trainer kennen und wuchsen in ihre Rolle als Eltern einer Kampfsportlerin hinein - auch als ich mit 15 zum Boxen wechselte.

Dass ich nach dem Hauptschulabschluss von der Schule abgehen wollte, weil ich sonst für den Profisport zu alt geworden wäre, sahen sie ein. Aber eine Berufsausbildung musste sein, darauf bestanden sie, und auch ich wollte diese Sicherheit haben. Als der Bruder einer Lehrerin eine Rechtsanwaltsgehilfin suchte, bewarb ich mich. Verfahrensrecht, Zwangsvollstreckungen, das fand ich zumindest nicht uninteressant. Manchmal ging es auch um richtig schwere Delikte, das war dann eine Krimiatmosphäre wie im Fernsehen.

Ich habe in den drei Lehrjahren kein einziges Mal gefehlt, nicht in der Kanzlei und nicht in der Berufsschule. Es war eine harte Zeit. Nach der Arbeit ging ich ins Training, abends fiel ich um neun, halb zehn ins Bett. Der Ehrgeiz hat sich gelohnt: Als ich meine Ausbildung abgeschlossen hatte, bekam ich von dem Hamburger Boxstall Universum das Angebot, Profi zu werden. Ich brauchte keine Bedenkzeit, ich wollte mein Geld mit Boxen verdienen. Und dass das funktionieren kann, stand damals fest, denn 1995 war Henry Maske jedem ein Begriff.

Wahrscheinlich entschied ich mich für meinen Beruf, weil ich Extreme liebe. Schon das Training ist extrem: Ich muss laufen, schneller, einen Berg hoch und noch einen, der Trainer treibt mich weiter. Ich denke: Ich kann nicht mehr! Und gleichzeitig: Ich muss! Am Ende habe ich es geschafft. Der Trainer hat dabei eine ähnliche Rolle wie ein Lehrer in der Schule. Er weiß, was ich zu leisten imstande bin, und hat einen Plan, wie ich das Optimum erreichen kann. Und wie ein Schüler muss ich ihm vertrauen, dass er mich nicht überfordert.