Der Zettelwust am Schwarzen Brett vor Hörsaal Nummer T03R02D39 der Universität Essen ist geprägt von politisch korrekten Endungen: IT-Spezialist/in gesucht, Mathematikstudent/in, Mitarbeiter/in in der Softwareentwicklung. Doch die schriftlich garantierte Chancengleichheit läuft ins Leere. Denn nur wenige Schülerinnen interessieren sich für ein Studium in Naturwissenschaften und Technik. Deshalb findet an diesem Nachmittag eine Vorlesung nur für Frauen statt, Männer müssen draußen bleiben.

Der Anteil der Studentinnen in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern an deutschen Hochschulen liegt bei etwa 15 Prozent. Mit Sommeruniversitäten für Frauen möchten deshalb Universitäten in Essen, Duisburg, Wuppertal, Bremen oder Berlin Oberstufenschülerinnen beweisen, was für viele offenbar nicht gerade ein Naturgesetz ist: Naturwissenschaftliche und technische Studiengänge sind interessant.

Zwar steigen die Studentenzahlen in Fächern wie Chemie, Mathematik oder Physik nach dem großen Einbruch Mitte der neunziger Jahre wieder an - aber nicht schnell genug. Da ist Werbung dringend notwendig. Vor allem bei jungen Frauen. Die sind häufig noch immer technikfern sozialisiert und trauen sich deshalb nicht zu, in einem Fach wie Physik zu bestehen. Falls sie das überhaupt versuchen wollen: Vielen erscheinen naturwissenschaftliche und technische Fächer ohnehin uninteressant: zu abstrakt, zu trocken zu wenig lebensnah.

"Wenn Mädchen sich überhaupt in diese Richtung orientieren", sagt Ortwin Renn, leitender Direktor der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg, "bevorzugen sie meist Betriebswirtschaftslehre." Berufsziel Managerin, das klingt nach passabler Karriere. Maschinenbaustudium dagegen hört sich für viele noch immer nach Fabrikhalle und schweren Maschinen an.

In Essen besuchen die Schülerinnen eine Woche lang auf ihr Vorwissen zugeschnittene Vorlesungen und Praktika in klassischen "Männerfächern" wie Physik, Informatik und Maschinenbau. Dabei sollen sie vor allem einen Einblick in die Wissenschaft, aber auch in den Unialltag an sich bekommen. Die Hochschule erachtet diese Schnuppertage für Frauen für so sinnvoll, dass sie sie bereits zum vierten Mal organisiert. Die Themenpalette ist vielfältig: Im Fachbereich Mathematik wird eine Wüstendurchquerung als logistisches Problem behandelt: Wie viele Treibstoffdepots müssen angelegt werden, damit der Jeep nicht im Sand stecken bleibt? In der Abteilung Chemie analysieren die Schnupperstudentinnen ein Duftöl, im Fachbereich Maschinenwesen erfahren sie, warum es ohne Klimatechnik keine CDs und keine Computerchips gäbe und Schokolade ganz anders schmecken würde.

Die Schülerinnen, die an diesem Nachmittag in der stickigen Luft im Hörsaal sitzen, haben sich für eine Veranstaltung mit dem Titel Entwurf von Stahlkonstruktionen mit Computerprogrammen entschieden. Von Fachvokabular wie "Ersatzlast" oder "Eigenschwingung" haben sie sich nicht abschrecken lassen. Am Bildschirm lernen sie eine harte Materie kennen: Stahlbau. Das bedeutet, in dieser Unterrichtsstunde per Mausklick eine viereckige Halle zu konstruieren und auszurechnen, unter welcher Schneelast sie zusammenbräche. Oder mit einer rot-grün-gelben Stahlbrücke zu hantieren, die sich perspektivisch auf den Computerbildschirmen drehen lässt und je nach eingegebener Belastung mehr oder weniger zur schlingernden Hängebrücke deformiert wird.

Mit dem Papa basteln