Istanbul

Das Treffen verlief unter größter Geheimhaltung. Ein Abgesandter des türkischen Generalstabes hatte Tayyip Erdogan über Mittelsmänner zu einem Gespräch vorgeladen. Der Offizier erschien in Zivil, kam gleich zur Sache: "Was planen Sie?" Die Atmosphäre war frostig. Der frühere Istanbuler Oberbürgermeister saß da wie ein Schuljunge. Erdogan gestand, dass er gern mit einer neuen Partei in die Politik zurückkehren würde. "Es soll keine ideologische Partei werden." - "Was heißt das?" - "Es werden alle Gedankenrichtungen vertreten sein, dem Ziel verpflichtet, das Land zu einen und die Demokratie zu schützen."

So kolportierten es türkische Zeitungen. Ob die Berichte stimmen, weiß man nicht. Sicher ist, dass der 48-Jährige die Prüfung bestand. Zwei Monate später hob ein Gericht das politische Betätigungsverbot für Tayyip Erdogan auf, das drei Jahre zuvor auf Betreiben der Generäle verhängt worden war. Dass sie dem einstigen Kemalisten-Schreck Erdogan eine zweite Chance geben, zeigt, wie sehr die Hüter des Atatürkschen Erbes die derzeitige Krise des politischen Systems in der Türkei umtreibt. Umfragen haben ergeben, dass sich kaum noch jemand von den etablierten Parteien repräsentiert fühlt. Mit dem Parlament in Ankara wird Nepotismus, Unfähigkeit und Arroganz verbunden. Bei Wahlen käme keine der Altparteien über die 10-Prozent-Hürde.

Umfragenspitzenwerte erzielen derzeit nur zwei parteilose Politiker: Erdogan, der mit einer neuen Formation "muslimischer Demokraten" antreten möchte, und der populäre Wirtschaftsminister Kemal Dervi­. Der frühere Weltbankmanager Dervi­, der dem Land ein hartes Austeritätsprogramm gegen die Finanzmisere verordnet hat, wird inzwischen öffentlich gedrängt, ebenfalls mit einer eigenen, sozialdemokratischen Partei das Establishment herauszufordern. Die nächsten Wahlen stehen zwar erst 2004 an, aber die Gerüchte über einen vorgezogenen Urnengang reißen nicht ab. Sollte es zu dem erwarteten Zweikampf kommen, könnte der Kontrast größer nicht sein: Hier Dervi­, der polyglotte Eliteschulenabsolvent, Vertreter des westlichen Bürgertums, dort Erdogan, der schüchtern auftretende Koranschüler aus Kasimpascha, dem verruchtesten Armenviertel Istanbuls.

Anfang der Woche hat Erdogan beim Innenministerium tatsächlich die Gründungspapiere für die neue Partei eingereicht. Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei solle sie heißen, auf Türkisch Adalet ve Kalkinma Partisi. Abgekürzt AK, was als ak gesprochen zufällig auch weiß oder rein bedeutet.

Höchstens so islamisch wie die CDU christlich ist

Erdogan galt einst als Ziehsohn des Islamistenführers Necmettin Erbakan. Im März 1994 eroberte er für Erbakans Wohlfahrtspartei Refah das Rathaus der 12-Millionen-Stadt Istanbul, gewählt von den Elenden der Vorstädte. Erdogans Wahlkampfhelfer hatten in den Slums Lebensmittel verteilt und Kranke betreut.