Das Irdische müssen wir verschmähen, und nachdem wir alles, was noch von dieser Welt ist, hinter uns gelassen haben, wollen wir jenem außerweltlichen Palaste zueilen, welcher der erhabenen Gottheit am nächsten ist." Die Sehnsucht des Humanisten Pico della Mirandola Ende des 15. Jahrhunderts scheint heute in greifbare Nähe gerückt. In der Grundschrift des europäischen Humanismus, der Schrift über die Würde des Menschen, hat Pico den Menschen aus Gottes Mund die Diagnose stellen lassen: "Den übrigen Wesen ist ihre Natur durch die von uns vorgeschriebenen Gesetze bestimmt ... Du bist durch keinerlei Schranken gehemmt, sondern sollst nach deinem eigenen freien Willen - sogar jene Natur dir selbst vorherbestimmen."

Im Rückblick erweist sich Picos Humanismus bereits als Trans- oder gar Posthumanismus. Heute scheint mit den technischen Potenzialen der Biowissenschaften allen ein Mittel in die Hand gegeben, die conditio humana mittelfristig hinter sich zu lassen. Dass sich die Philosophie dieser Frage zuwendet, ist selbstverständlich. Peter Sloterdijk war es mit seiner Menschenpark-Rede lediglich gelungen, spektakulär auf ein Denken aufmerksam zu machen, das diese Entwicklung auf seine Weise seit längerem kräftig befürwortet. Nun krankte schon die Auseinandersetzung mit Sloterdijk daran, dass die Schulphilosophie ihn nicht als ebenbürtig ansah - eine Haltung, die den Eindruck aufkommen lassen musste, hier würde eine Angelegenheit verhandelt, für die die akademische Philosophie zu kleingeistig sei. Angesichts der Wucht der verhandelten Thematik - immerhin geht es um die metaphysische Stellung des Menschen - muss jede sachliche Kritik beckmesserisch wirken. Diesem Vorwurf ist nicht zu entgehen, sofern man sich auf eine ernsthafte Auseinandersetzung einlässt.

In einer Situation hochgradiger Orientierungsschwierigkeiten geben viele Stimmen, auch Marc Jongen, der politischen Klasse und dem Nationalen Ethikrat folgenden Rat: Sie sollten auf jede angeblich ohnmächtige und von der Geschichte überholte ethische Reflexion verzichten und sich stattdessen auf die Investition kreativer Intelligenz beschränken. Nun sind philosophische Überlegungen allemal kognitive Veranstaltungen, die argumentativen Kriterien genügen sollten. Gemessen daran, sind etwa Jongens Überlegungen nicht nur im Stil appellativ, großspurig und in ihrer Identifikation mit Sloterdijk von verhaltenem Selbstmitleid geprägt, sondern auch in der Sache widersprüchlich und unbegründet. Was dieses Denken als "Subjektivität" bezeichnet - nämlich ein Unterwerfungsverhältnis -, ist weder dem eigenen Anspruch nach überwunden, noch vermeidet es die Fehler, die es jenen zuschreibt, die den Menschen "Würde" zusprechen. Im Übrigen darf man sich auf der Zunge zergehen lassen, wie das zentrale Prinzip der deutschen Verfassung, die Menschenwürde, als "semantische Altlast" bezeichnet wird.

Geht es nach Marc Jongen und seinen zahlreichen Mitstreitern, dann sollen wir folgende seinsgeschichtliche Diagnose akzeptieren: Das "Subjekt" des hoch kulturellen Zyklus der Menschheitsgeschichte habe sich immer als "Unterworfener" eines objektiven Seins verstanden; es habe die Haltungen des Staunens und der Demut eingenommen. Heute dagegen verwandele sich die Menschheit vom unterworfenen subject zum Projekt; sie nimmt die Erkenntnis ernst, dass Menschen autopoietische Wesen seien und sich selbst erschaffen. Damit kündige sich nicht nur ein philosophischer Paradigmenwechsel, sondern ein neues Weltalter an.

Der fundamentale Selbstwiderspruch dieser These liegt offen zutage. Es ist das Eingeständnis, dass mit dem neuen Weltalter Zwänge einsetzen, an denen gemessen sich das alte hochkulturelle Verständnis menschlicher Existenz geradezu als Reich der Freiheit ausnimmt. Der "technisch-industrielle Komplex" - zu dem wir die Gentechnologie zählen müssen - sei längst zu einer "zweiten Fatalität" angewachsen: "Zunächst ist festzuhalten, dass wir nichts tun können. Es steht uns nicht mehr frei, nicht zu wollen, was wir können."

Man mag dieser Einschätzung ebenso zustimmen wie ihrer Begründung, dass die Menschheit das, was sie einmal erfunden habe, nicht wieder vergessen könne. Doch zeugen derlei Einschätzungen nicht von größerer Freiheit und gesteigerten Möglichkeiten, im Gegenteil. Sie zeigen vielmehr die Bereitschaft zur alternativenlosen Unterwerfung unter die Zwänge des technischen Selbstlaufs. Insoweit erweist sich auch der unter Berufung auf Gotthard Günther beschworene "neue Menschentyp" als genau das, was er doch nicht sein soll: als Unter-worfener, als ein Wesen, das einem blinden Geschick ausgesetzt ist und ihm ohne moralische Selbstüberlastung zu lauschen hat.

In den zwanziger Jahren, in den Reihen der konservativen Revolution, nannte man diese Haltung "heroischen Realismus". Jeder aus "altehrwürdigen Phantasmen der Freiheit" gespeiste Versuch, diesem Fatum entgegenzuwirken, also die ethische Besinnung über Sinn und Zweck dieser Techniken, müsse "steril und wirkungslos" bleiben. Jede Ethik der Verweigerung, schreibt Jongen, sei hilflose Donquichotterie und von klassischen Ethiken sei ohnehin nichts mehr zu erwarten. Doch warum?