Denen, die Realpolitik und Opportunismus immer schon für dasselbe gehalten haben, gilt die politische Biografie von Joschka Fischer geradezu als Beleg für ihre Auffassung: Wirkliche Macht verderbe den Charakter, sie fordere und fördere bloß die Anpassung an die herrschenden Verhältnisse: Veränderungen seien nur von außen oder von unten, als Widerstand und durch den Aufbau von Gegenmacht zu erreichen. Wenn der grüne Frontmann ihnen nun - nach Genua - einen "abgestandenen Linksradikalismus" bescheinigt, sehen sich die Angesprochenen bloß in ihrem einschlägigen Verdacht gegen den realpolitischen Kurs der Grünen bestätigt. So erkennt man sich gegenseitig und redet doch scharf aneinander vorbei. Ein Gespräch kommt auf diese Weise nicht zustande.

Gewiss, unter den Globalisierungsgegnern gibt es eine Gruppe, die in der Polizei den Büttel des Kapitals bekämpfen, im bürgerlichen Staat immer noch die Agentur der herrschenden Klasse erkennen und auf internationalen Konferenzen dem Imperialismus seine Maske vom Gesicht reißen will. Aber es ist eine Minderheit, die mit der Klassenfeindschaft auch den Hass wiederaufleben lässt, der in den siebziger Jahren zwischen den Fronten herrschte.

Blankes Unverständnis für Demonstrationen gegen die umstrittenen Folgen der Globalisierung aber gießt Wasser auf die Mühlen eines sozialkritischen Fundamentalismus, der entweder in die Indifferenz der Politikverdrossenheit mündet oder in einen verzweifelten Radikalismus der Tat. Die neue Jugendrebellion ist keineswegs jene Wiedergängerin der eigenen linksradikalen Vergangenheit, die so mancher ehemaliger Straßenkämpfer in ihr gern sehen würde. Ihr Protest richtet sich gegen einen undurchsichtigen Prozess der Globalisierung, der unter der Fahne einer neoliberal entfesselten Ökonomie zwar auch etliche Entwicklungsländer profitieren lässt, indem er sie in den Weltmarkt reißt, aber durch die ungleichen Regeln der internationalen Konkurrenz zugleich neue Armut erzeugt. Seattle, Göteborg oder Genua sind symbolische Orte, wo man der abstrakten Bedrohung konkret zu begegnen und im Zusammenschluss gegen das Auftreten der Reichen und Mächtigen sich Gehör zu verschaffen hofft: mit der vehementen Forderung nach globaler Gerechtigkeit. Diese Bewegung mit dem Vorwurf politischer Naivität oder radikaler Vorgestrigkeit zu diskreditieren ist realpolitisch verkleideter Opportunismus.

Die nachgeschobene Idee von Claudia Roth, die so genannte Tobin-Steuer auf Spekulationsgewinne aus Finanztransaktionen noch als Forderung ins Grundsatzprogramm der Grünen zu hieven, kann den Flurschaden nicht beheben, den Joschka Fischer vor laufender Kamera angerichtet hat. Das zerknirschte Hinterhertraben hilft einer Partei wenig, die einmal zu Recht Avantgardefunktion für sich beansprucht hat; es verweist eher auf einen generellen Ideenmangel in der politischen Programmatik der Grünen. Wo hört man die richtungweisenden Stimmen der Grünen in der allfälligen Bildungsdiskussion, im Diskurs über die Kommunikations- und Mediengesellschaft, in der Großdebatte zur Biotechnologie (außer von Andrea Fischer)? Die Vorarbeiten der grünen Europafraktion zu kritischen Fragen der Globalisierung bleiben in Berlin ungehört.

Wegen dieser Unklarheit des eigenen Profils hat die grüne Partei, verglichen mit einer scharf konturierten FDP, die schon in der politischen Versenkung verschwunden schien, ersichtliche Akzeptanzprobleme. Drei Gründe lassen sich zumindest nennen: Erstens hat sie - betriebsblind im politischen Alltagsgeschäft - den Kontakt zu den Intellektuellen abreißen lassen. Doch ohne deren Potenzial und Multiplikatorfunktion können zukunftsträchtige Positionen in Zeiten der Unübersichtlichkeit schwerlich entwickelt werden (der Zustand der Heinrich-Böll-Stiftung ist dafür bloß ein Symptom).

Zweitens hat die grüne Partei - nach innen Mitläufertum, Postengeschacher und Vereinsmeierei prämierend - eine provinzielle Organisationskultur gezüchtet, welche die kritische Jugend abschreckt (das mediokre Frankfurter Hinterzimmerpoker ist gewiss kein Einzelfall). Und drittens hat sie mit der Kontaminierung von Realpolitik durch Opportunismus einen Teil ihrer moralischen Glaubwürdigkeit eingebüßt, auf die sie nicht ungestraft verzichten kann; das haben nicht erst die Ereignisse um Genua gezeigt. Zu schwierigen Fragen vornehm zu schweigen - das entsprang schon im Parteispendenskandal, der in seinem korruptiven Kern systematischer Verfassungsbruch war, keineswegs den Zwängen einer realpolitischen Vernunft, die im Interesse der Sache kluge Zurückhaltung erforderte.

Aus allen drei Gründen will die grüne Partei nicht erkennen, dass in den undurchsichtigen Verhältnissen einer globalisierten Welt eine politisch sensible, intellektuell anspruchsvolle und kosmopolitisch denkende Jugend nachwächst, deren feines Gespür für Ungerechtigkeit nach überzeugenden Zielen sucht und deren ungebrochenes Engagement nach parlamentarischer Repräsentation verlangt - bei allen Überschüssen adoleszenter Wucht und den unvermeidlichen Wirrungen der Identitätssuche, wie sie mitunter auch im Bedürfnis nach Randale zum Ausdruck kommt. Dieser Erkenntnis sollte sich eine Partei aber stellen können, die selbst, freilich eine Generation früher, aus einer moralisch ebenso radikalen wie militanten Protestbewegung entstanden ist.