Die Universität der Zukunft ist auf zahlende Kundschaft angewiesen. Und da Studenten weder besonders zahlungsfähig noch -willig sind, haben zukunftsorientierte Hochschulen längst eine ganz andere Zielgruppe im Visier: die über Fünfzigjährigen, kurz Üfüs. Etwa 40 deutsche Hochschulen haben sich bereits den Senioren geöffnet - mit Riesenerfolg. Rund 30 000 Spätberufene studieren derzeit, ihre Zahl hat sich in den vergangenen 15 Jahren fast verdoppelt.

Und sie bringen nicht nur Geld, sie bringen auch einen anderen Geist mit: Die Üfüs favorisieren die Geisteswissenschaften, also genau jene Fakultät, die unter dem Druck der Sparer und Modernisierer am heftigsten zu leiden hat. Weitaus die meisten studieren Geschichte, Philosophie und Theologie. Der früh pensionierte Schichtmeister, die Hebamme im Ruhestand, der einstige Kfz-Mechaniker, die Ärztin, der Steuerberater und - wen wundert's - ganz viele Lehrer: Sie alle sind auf Sinnsuche. Die Vertreter der Andragogik, der Wissenschaft der Erwachsenenbildung, kennen das: Wenn der Lebensabend heraufdämmert, dann stellen sich die Menschen die letzten Fragen - "Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich?" - und suchen Antwort bei den klassischen Sinn- und Orientierungsstiftern, eben den Geisteswissenschaften.

Eine ganz andere Frage stellt sich derweil die universitäre Stammkundschaft: "Wo sitze ich?" Wenn die Studenten in den Hörsaal kommen, sind die besten Plätze bereits mit Sinnsuchern besetzt oder aber mit Mantel oder Schirm nach bewährter Kurkonzertmethode beschlagnahmt. In manchen Vorlesungen beträgt der Seniorenanteil bereits 80 Prozent. Da sitzen sie dann, vibrierend vor Lernbereitschaft, und die jüngeren Kommilitonen verdrücken sich murrend in die hinteren Reihen. Schon hat sich in Stuttgart eine anonyme Aktionsgruppe Rentnerfreier Campus konstituiert. Zieht hier ein neuer Generationskonflikt herauf?

Die Universitäten jedenfalls stehen vor einem Dilemma: Einerseits können sie angesichts sinkender Studentenzahlen auf die zahlenden Gäste kaum verzichten. Andererseits dürfen sie ihre Stammkundschaft nicht vergraulen. Was tun? Vielleicht sollte man das Seniorenstudium in die Semesterferien verlegen. Das schafft den Studenten wieder Freiraum, garantiert eine bessere Nutzung der während der Ferien leer stehenden Hochschuleinrichtungen und entlastet zugleich die überlaufenen Tourismuszentren: Die Üfüs gehen zur Sinnsuche im Sommer in den Hörsaal und dann zum Überwintern nach Mallorca.