Amsterdam

Die Geschichte vom Niedergang des viel gerühmten Poldermodells erzählt auch vom Ende der Bescheidenheit, von neuen Reformstaus, unpatriotischer Raffgier und unbeabsichtigten Folgen calvinistischen Maßhaltens, von Überbeschäftigung und Inflation. Es ist die Geschichte der unmerklichen Entzauberung eines Phänomens, das viel Begeisterung unter Sozialstaatsreformern ausgelöst und als "holländisches Wunder" Geschichte gemacht hat.

Sie beginnt damit, dass seit einiger Zeit die Züge nicht mehr so pünktlich sind wie früher. Die Menschen in dem Königreich, das als Vorbild für Konsens und inneren Frieden gilt, nehmen diesen Missstand nicht so gelassen hin wie etwa die Deutschen. Im Gegenteil: Sie sind darüber sehr ungehalten und machen dem Ärger Luft. Am "Koniginnedag" Ende April, als die Bahn sich dem Feiertagsandrang erst recht nicht gewachsen zeigte, entlud sich dieser öffentliche Unmut in Amsterdam in einer regelrechten Straßenschlacht zwischen zornigen, auch alkoholisierten Bahnkunden und der Polizei. Tränengasschwaden zogen durch Straßen und Grachten rund um den Hauptbahnhof, der Festtag geriet zum Chaos, die Schäden gingen in die Millionen.

Eine Turbulenz im heiteren Himmel? Eher handelte es sich um ein Vorzeichen des gegenwärtigen sozialen Klimawandels in den Niederlanden. Nachdenkliche Beobachter wie der Amsterdamer Politikwissenschaftler Jos de Beus berichten von einer Veränderung der Stimmung bei den Akteuren ebenso wie in der Bevölkerung. Innerhalb der politischen Klasse breiten sich Nervosität und Gereiztheit aus, nicht zuletzt zwischen den Sozialpartnern, den Trägern des legendären Konsensmodells.

Die ökonomische Großwetterlage verheißt auch dem Polderstaat nichts Gutes. Das Land liegt mit einer Preissteigerungsrate zwischen vier und fünf Prozent (je nach Berechnungsmodell) im Spitzenfeld der Europäischen Union, wozu in diesem Jahr wie fast überall die steigenden Öl- und Fleischpreise beitrugen, aber auch eine Anhebung der Mehrwertsteuer und eine Senkung der Lohn- und Einkommensteuer. Zudem treibt die anhaltende Arbeitskräfteknappheit in einigen Branchen (Bauindustrie) die Löhne hoch. Der hohe Beschäftigungsstand der Frauen - eine der wichtigsten Wirkungen des neuen Teilzeitarbeitsmarkts - führt zu höheren Kosten für öffentliche Einrichtungen zur Kinderbetreuung, was in kommunalen Haushalten neue Belastungen schafft.

Einige Ökonomen sprechen von einer "Produktivitätslücke": Die maßvollen Löhne der vergangenen 15 Jahre haben zwar sichere Arbeitsplätze zur Folge gehabt, zugleich aber mangels Rationalisierungsdruck die Innovationskraft gedrosselt. Indessen wurden die Wachstumsprognosen bereits auf knapp zwei Prozent reduziert. Großkonzerne wie Philips kündigten erstmals wieder größeren Stellenabbau an. Die Bürger, bisher konsumfreudig, schalteten allmählich um auf Vorsicht und Konsumverzicht. Fast unmerklich ist deshalb das hässliche Wort von der Stagflation - stagnierende Wirtschaft mit steigenden Preisen - in die holländische Debatte zurückgekehrt.

Politisch besonders brisant sind schließlich die Probleme im Sozialstaat: Die Zahl der Frührentner, die sich auf das System der Anerkennung von berufsspezifischen Krankheiten und Behinderungen stützen, ist trotz der einschneidenden Reformen wieder auf fast eine Million gestiegen (und das bei einem Volk von knapp 16 Millionen) - die nächste Reform ist fällig. Da fehlt es gerade noch, dass im Mai nächsten Jahres auch noch Parlamentswahlen anstehen. Das trägt nirgendwo zur Entspannung der Gemüter bei, schon gar nicht, wenn wie in den Niederlanden der Ausgang völlig offen ist: Die Sozialdemokraten (PvdA) des Ministerpräsidenten Wim Kok, für viele "Modernisierer" des europäischen Mitte-links-Milieus weit mehr als der Brite Blair der eigentliche Pate erfolgreicher Sozialstaatsreform, könnten leicht auf Platz zwei abrutschen, hinter ihren Koalitionspartner, die rechtsliberale VVD. Diese Chancen der Sozialdemokraten sänken weiter, wenn der unverändert populäre Kok Ende des Monats verkünden sollte, dass er nach der Wahl nicht mehr die Regierung führen möchte.