Berlin

Neun Interviews hat Schimon Stein am vergangenen Freitag gegeben, nach dem Anschlag auf eine Pizzeria in Jerusalem, bei dem fünfzehn Gäste und der palästinensische Selbstmordattentäter starben. Dass so viele Journalisten ihn sprechen wollten, war dem schlimmen Anlass geschuldet, aber auch sonst ist die Medien- und Öffentlichkeitsarbeit für eine Botschaft längst ähnlich wichtig wie das klassische Verhandlungsgeschäft hinter verschlossenen Türen. Das eigene Land will nicht einfach vertreten, sondern auch dargestellt sein. Für den israelischen Botschafter in der Bundesrepublik kommt, ob er es will oder nicht, immer noch etwas anderes hinzu, eine Art politisch-moralisches Wächteramt über die deutsche Nachkriegsdemokratie, über die Lehren, die aus der Vergangenheit gezogen wurden. Steins Vorgänger in den letzten Bonner Jahren von 1993 bis 1999, Avi Primor, hat sich auf die gleichsam metadiplomatischen Dimensionen seiner Rolle besonders eindrucksvoll verstanden.

Schimon Stein ist anders, eher leise und introvertiert, zierlich, mit grauem Bart, ein Akademikertyp. In den Empfangs- und Repräsentationsräumen im Erdgeschoss seiner Residenz auf dem Botschaftsgelände in Schmargendorf wirkt er fast ein wenig verloren, wie zu Gast bei sich selbst, und es passt gut, dass er in Berlin-Mitte eine "Außenstelle" eigener Art unterhält: das Café Einstein, in dem er gern arbeitet.

Stein ist seit Jahresanfang im Amt, in bewegter Zeit: Regierungswechsel von Ehud Barak zu Ariel Scharon, dann die Eröffnung des neuen Botschaftsgebäudes in Berlin, Anfang Juni Außenminister Fischers Israelreise mit einer dramatischen Miniatur-Friedensmission nach dem Attentat auf eine Diskothek in Tel Aviv, zuletzt der Deutschlandbesuch von Ministerpräsident Scharon. Stein ist nicht zum ersten Mal auf Posten in der Bundesrepublik; er war Anfang der achtziger Jahre an der Botschaft in Bonn, wo alles zunächst etwas langweilig wirken mochte, sich aber bald belebte: Die sozialliberale Koalition wurde abgelöst, der Nachrüstungsstreit wogte, die Grünen machten sich bemerkbar. Stein ist danach im Außenministerium in Tel Aviv für Abrüstungsfragen zuständig gewesen, später für die GUS-Staaten und Mittelosteuropa - "lauter Topjobs", wie ein israelkundiger deutscher Diplomat bemerkt, Stein habe früh schon zu den Leuten gehört, von denen man viel erwarten durfte. Berlin ist seine erste "eigene" Botschaft. Es ist zugleich das erste Mal, dass Israel überhaupt eine Botschaft in Berlin unterhält; zur DDR bestanden keine diplomatischen Beziehungen.

Schimon Stein ist 1948 geboren, im Gründungsjahr seines Staates. In Westeuropa oder in den Vereinigten Staaten wäre er vielleicht ein junger Achtundsechziger gewesen - aber in Israel gab es "1968" nicht, sondern den Sechstagekrieg von 1967, und auch Stein war damals Soldat. Das berührt schon den Kern seiner Vermittlungsaufgabe: eine Welt erklären, die sich in vielem sehr verschieden ausnimmt von der westlichen Normalmoderne, auch heute noch, obwohl Israel ein erfolgreiches High-Tech-Land geworden ist. "Wir beneiden die Europäer, dass sie die Konsequenzen aus dem Zweiten Weltkrieg gezogen haben, mit politischer Versöhnung und ökonomischer Integration. Langfristig muss das auch das Modell für den Nahen Osten werden. Aber einstweilen sind die Spielregeln und Denkkategorien in unserer Region anders. Demokratie und Globalisierung lassen auf sich warten. Noch ist Israel eine Insel." Und so lange kann es nur Zwischenlösungen geben, Krisenmanagement, Notbehelfe; in diese unvollkommene Wirklichkeit gehören für Stein auch die Liquidationen palästinensischer Terroristen, die derzeit vielfach scharf kritisiert werden.

Israels Beziehungen zu Deutschland bleiben nach dem Völkermord an den Juden ein Sonderfall, sie können gut sein, sehr gut, ausgezeichnet, aber nicht normal. Doch gibt es daneben so etwas wie ein Verständigungsproblem mit Europäern und Amerikanern überhaupt, mit Gesellschaften, die kaum mehr existenzielle Fragen kennen und dazu neigen, alle Welt nach dem eigenen Muster zu beurteilen. Stein, der Geschichte studiert hat, nimmt sein Fach als Beispiel für die Vorstellungskraft, die im Umgang mit dem Anderen und Fremden nötig ist: "Als Historiker befasst man sich mit Zeiten, in denen man selbst nicht lebt. Man muss sich in die Lage der jeweiligen Weltgegend und Gesellschaft versetzen. Das müssen Diplomatie und Außenpolitik auch."