Tel Aviv

Eine meiner frühen Kindheitserinnerungen hängt mit einem Schlagerwettbewerb der Eurovision zusammen. Ja, auch wir, die Kinder der Levante, wuchsen als kulturelle Opfer jenes furchtbaren Schlagerwettbewerbs auf. Die Sendung damals schaute ich mir zusammen mit meinem großen Bruder und seinen Freunden an. Um die Wahrheit zu sagen, keiner von uns interessierte sich besonders für die Lieder, für uns war diese Eurovisionssendung nur ein spitzfindiges Instrument, um den Antisemitismus der verschiedenen Länder zu bestimmen. Die Italiener geben dem israelischen Lied nur drei Punkte? Mussolini haben sie gehängt, aber der Faschismus zeigt weiter sein hässliches Gesicht. Die Franzosen nur zwei? Sie sollen doch aufhören, uns von ihrer Résistance zu erzählen, tief im Herzen haben sie uns immer gehasst. Und die Deutschen? Oh, die Deutschen ... Was für eine Spannung breitete sich im Zimmer aus, als der Sprecher der deutschen Jury das Ergebnis der Abstimmung vortrug: Sechs Punkte für England, noch einmal acht für Spanien, und für Israel? "Douze points" - zwölf Punkte.

"Was für Heuchler", murmelte mein Bruder, vielleicht für sich, vielleicht für die anderen im Zimmer. "Wen, glauben sie, kriegen sie damit rum?"

Am Ende gewannen die Schweden. Und wir waren natürlich weit abgeschlagen. Mein Bruder summte einen damals populären Hit mit dem Text: "Die ganze Welt ist gegen uns", und ich wagte aus der Tiefe meines Sitzkissens zu fragen: "Vielleicht hat ihnen einfach das Lied nicht gefallen?"

Mitleid wird zum Wettbewerb

Im Zimmer wurde es still, alle Kinder drehten sich zu mir um und schauten mich mit den verächtlichen Blicken an, die Zehnjährige, die schon über eine gewisse Lebenserfahrung verfügen, für naive kleine Kinder übrig haben, die noch nichts vom richtigen Leben wissen.

Von der Eurovision zu einer neueren Erinnerung: Vor etwas mehr als einem Jahr, nach jener grausamen Lynchaktion an zwei israelischen Soldaten in Ramallah, interviewte mich ein deutscher Journalist einer überregionalen Zeitung. Er war am Tag zuvor aus Ramallah zurückgekommen, wo er schon Leute für seinen Artikel besucht hatte. Er sagte, er habe palästinensische Stimmen für und gegen die Lynchaktion gesucht, um einen ausgewogenen Artikel schreiben zu können, aber obwohl er ungefähr zwanzig Personen interviewt habe, habe er keinen Einzigen gefunden, der sich gegen diesen unmenschlichen Akt ausgesprochen hätte.