BELLETRISTIK

Michèle Desbordes:Die Bitte Geschichte Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer; Verlag Klaus Wagenbach; Berlin 2000; 122 S., 34,- DM

Als die Heilige Jungfrau noch grüngolden gefütterte Kleider trug, als die Meister der A-fresco-Malerei die Kirchengewölbe noch mit den gleichen Engeln schmückten wie die Schlösser, war Kunst eine klare Sprache. So glauben wir heute. - Dieses Gemälde eines versunkenen Zeitalters belehrt uns eines Besseren: Um 1500 überquert ein berühmter Renaissancemeister das Gebirge, von Italien an die Loire, um ein Schloss zu bauen. Auf einem Landsitz - die Sonne geht auf und unter, Regen und Wind, braun der Fluss, niedrig der Himmel, ohne Anfang und Ende - begegnet der Künstler einer Dienerin. Stumme Begegnung am Ende des Lebens: zwei einsame Menschen als tragisches Paar. Diese zärtliche und doch gnadenlose Geschichte handelt vor allem vom Schweigen: von Kunst als Sprache des Unaussprechlichen. Von jener Sehnsucht nach Vollkommenheit, aus der große Bilder entstehen, aber auch großes Leid. "Der Kummer, der nicht spricht, / raunt leise zu dem Herzen, bis es bricht", sagt Shakespeare. Hier ist das Mitteilenswerte nicht sagbar, das Sagbare nicht mitteilenswert, darum sprechen die Figuren durch Schweigen und schweigen in Worten.

Vonne van der Meer:Inselgäste. Roman; Aus dem Niederländischen von Arne Braun; G. Kiepenheuer Verlag Leipzig 2001; 197 S., 32,90 DM

Manchmal kann eine kleine Entscheidung die allerschwerste sein: Was kaufe ich zum Frühstück, wenn ich eigentlich nichts mehr essen will? Der alte Mann hat das breithüftige Ferienhäuschen auf der windzerzausten Insel nur deshalb gebucht, weil er sein Ableben als Badeunfall inszenieren will. Seine geliebte Frau lebt nicht mehr, wozu noch aufstehen? Der Alte ist einer der Feriengäste, die eine Saison lang im Haus Dünenrose zanken, küssen, missverstehen. In ihrem sonnendurchwärmten Roman erzählt Vonne van der Meer von den Wechselfällen des Lebens und den Ausnahmebedingungen des Inseldaseins. Die Zeit schrumpft zusammen, der Mensch fühlt sich neu. Jeder schleppt seinen Rucksack hierher, jeder trägt etwas anderes heim. Im Herbst bleiben nur das Gästebuch zurück und eine Putzfrau, die für uns darin blättert.

SACHBUCH

Leben - Ideen - Kampf. Louise Michel und die Pariser Kommune von 1871; hrsg. von Bernd Kramer; Karin Kramer Verlag, Berlin 2001; 139 S., 29,80 DM