Ich saß am Ufer des Ossiacher Sees, eines Kärntner Sees, an dem - ganz im Unterschied zum Wörther Seee - garantiert keine "Tage der deutschsprachigen Literatur" stattfinden. Ich war in die Lektüre eines Buches vertieft: Verratene Liebe. Frauen durchschauen die Lügen der Männer von Susan Forward, erschienen im Fischer Verlag.

Ich war gespannt, ja, verspannt und hätte deshalb fast etwas versäumt. Aber auf der Bank, auf der ich saß, hatte jemand eine alte Zeitung vergessen. Ich griff sie mir, um mich von den Lügnern abzulenken, und so versäumte ich nicht, dass Peter Sloterdijk wieder einmal etwas Schönes gesagt hat. Er hat, was weniger schön ist, zuerst gesagt, dass man "mit den gewohnten Antithesen im Logischen wie im Ontologischen nicht mehr weit kommt".

Man wird die alten binären Unterscheidungen - zum Beispiel Geist und Leib, Subjekt und Objekt (und vielleicht auch du und ich?) - im Museum konservieren. Und jetzt kommt das Schöne: Aus den zukünftigen Museen der Binarität, so Sloterdijk laut meiner zerknüllten Zeitung, werden die Mädchen der Zukunft "beschwingt herauskommen, leicht angeekelt, aber fasziniert, und sich in Tagträumen fragen, wie sie wohl war, die Liebe in der Antithesenzeit".

Sie war genauso, wie sie Susan Forward in Verratene Liebe beschreibt. Ihr Buch ist ein Ratgeber, und es wäre kleingeistig, würde man darin Hinweise suchen, dass auch Frauen lügen. Die Autorin, eine Therapeutin aus Los Angeles, bezeichnet sich selbst als jemanden, "der seit über 20 Jahren als Vertrauensperson von Frauen deren Partei ergreift". Verratene Liebe ist eine Art Katechismus für belogene Frauen; das Buch hat eine amerikanische Färbung und erinnert an Fernsehserien wie Cibyll oder Ellen, in denen aus der beinahe verzweifelten Lage mittelständischer und mittelalterlicher Frauen Heiterkeitseffekte am laufenden Band "gewonnen" werden.

Forward beschreibt die tristen Seiten eines Frauenlebens: belogen, verraten, traurig, verwirrt, ängstlich. Zweck der Beschreibung ist die Stärkung des Selbstbewusstseins tief erschütterter, ins Mark getroffener Menschen. Die Therapeutin gibt eine Reihe von Interventionen an, die von einer Analyse der Situation bis zur Konfrontation des unverbesserlichen Lügners reichen, also von der Theorie zur Praxis. Es geht darum, die Macht zu brechen, die der Mann erstens durch ihre Liebe und zweitens durch seine Lügen über die Frau hat. Das ist ein harter Job, weil habituelle Lügner einfallsreich sind und nicht zuletzt Strategien benützen, die den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge bagatellisieren.

Man könnte einwenden, der Kampf gegen die "Binarität", dem wohl auch die Antithese von Wahrheit und Lüge zum Opfer fallen müsste, würde bloß den Lügnern Vorschub leisten. Aber wer so denkt, kennt sich mit Utopien nicht aus: Eine einseitige Auflösung der Antithesen wäre ja bloß ein von Letzteren profitierendes Machtspiel, gegen das sich die Utopie richtet. Die Mädchen (und die Burschen), die eines Tages etwas angewidert, aber doch fasziniert auf die "binäre Codierung" der Welt zurückblicken, leben schon in einer anderen (Liebes-)Ordnung. Sie haben vergessen, einander zu belügen, weil sie es nicht mehr nötig haben. Die Wünsche, die heute einander noch ausschließen, würden, da man im nächsten Jahrhundert einfach anders denkt, als Gegensätze nicht mehr wahrgenommen werden.

Die Antithesen könnten sich - zum Beispiel aus ökonomischen Gründen - verschärfen. Solche verschärften Antithesen lernt man in dem Ensemble der von Therapeuten beobachteten Zweierbeziehungen kennen. Ich gestehe, dass für mich die Lösungen etwas von der deprimierenden Art der Probleme haben. Forwards Buch ist ausgezeichnet, aber ich möchte mich über eine Welt beklagen, in der man sich kein besseres Buch über lügende Männer und liebende Frauen vorstellen kann. Was für ein Leben, immer mit der Stimme einer Therapeutin im Ohr, die einem durch den Trichter ihrer Ausbildung zuruft, was man jetzt gerade tun soll, weil man zu sehr in das Elend verstrickt ist, mit dem man nicht und ohne das man nicht leben kann.