Für Bergmanns neuen Arbeitgeber sind selbst schlechte Zeiten gute Zeiten. Als europäischer TV-Konzern trotzt er dem Rückgang der Werbeeinnahmen in Europa. Dank acht Milliarden Mark Umsatz muss die RTL-Group in absehbarer Zeit nicht um ihre Existenz bangen. "RTL ist eine starke Marke, das gibt ganz einfach Sicherheit", sagt Pamela Bergmann. "In der New Economy war mir das Eis zu dünn." Ehemaligen Kollegen von Planetactive geht es ähnlich: Einer wechselte zum Deutschen Herold, der Versicherungsgruppe der Deutschen Bank, ein anderer zu einer großen Werbeagentur, und eine Dritte sucht noch Unterschlupf - "möglichst in einem klassischen Unternehmen".

Gut 20 Monate hat die Risikobegeisterung gedauert. Unternehmertum war in, das eigene Projekt, der Kauf von Aktien. Erstmals seit Jahrzehnten kamen die Deutschen aus ihrem Schneckenhaus. Das ökonomische Wagnis, der Antrieb jeder Marktwirtschaft, war nicht mehr suspekt. Im Gegenteil: Wer etwas riskierte, gewann an Ansehen. Nun ist wieder das "Es-konnte-doch-nicht-gut-gehen" zu hören, oft verbunden mit einem "Ätsch". Man sucht nach Sicherheit. Die Abneigung gegen die Börse nimmt zu, Banken halten sich mit der Kreditvergabe zurück, Venture-Capital-Firmen verweigern Internet-Firmen neue Finanzierungsrunden. Haben die Deutschen nichts gelernt?

Noch vor einem Jahr wäre dies kaum vorstellbar gewesen: Laut einer Studie der privaten Universität Witten-Herdecke wollen 80 Prozent aller Start-up-Angestellten zurück in die alte Wirtschaft. Und sie sind nicht allein. Fast die Hälfte aller Deutschen hätte Angst, als Unternehmensgründer zu scheitern, so der Global Entrepreneurship Monitor der Universität Köln. Nur in Japan und Südkorea ist die Furcht vor der Pleite größer.

Auch in den Hörsälen wiegen die Bedenken schwer. Glaubt man der Computerwoche, war Jobsicherheit für Informatikstudenten - der Kern des deutschen Gründerwunders - schon zu Jahresbeginn wieder "ein wichtiges Thema". Nur jeder Dritte würde nach dem Examen noch bei einer Jungfirma anfangen. Die Unternehmensberatung Access hat die beliebtesten Arbeitgeber erfragt: Siemens, DaimlerChrysler, BMW.

Der Drang nach Sicherheit scheint verständlich: Allein im ersten Halbjahr 2001 rutschten bundesweit 14 500 Unternehmen in die Pleite, gut zehn Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Fast 250 000 Menschen hätten durch die Insolvenz ihres Arbeitgebers den Job verloren, heißt es bei den Wirtschaftsforschern von Creditreform in Neuss. Am schlimmsten wurden die neuen Bundesländer von der Gegenreaktion getroffen: Erstmals seit der Wiedervereinigung wurden dort mehr Unternehmen geschlossen als gegründet.

Die neue Angst - man merkt sie auch den Sparern an. Im Boom war Friedrich Pils nicht sonderlich gefragt. Heute stehen die Kleinanleger wieder vor seinem Schreibtisch in der Filiale der HypoVereinsbank am Münchner Promenadenplatz. Sie wollen wissen, was sie mit ihrem Geld anfangen sollen, wenn selbst der Telekom-Aktie nicht mehr zu trauen ist. "Wie hoch ist das Risiko, was kann schlimmstenfalls passieren?" Das sind die Fragen, die Berater Pils nun wieder täglich beantworten muss. Zu Zeiten des Börsenbooms glaubte jeder selbst zu wissen, was Rendite bringt - etwa die Aktie eines High-Tech-Herstellers aus Hinterindien. Heute fragen Anleger Herrn Pils nach festverzinslichen Wertpapieren. Niemandem ist es mehr peinlich, über Schatzbriefe zu reden.

Schatzbriefe statt High-Tech