Machen wir zunächst mal ein einfaches gedankliches Experiment: Was wäre, wenn Frau Wagenknecht genau das Gegenteil täte - wenn sie ausschließlich mit dem Fahrrad fahren würde oder nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln? Zweifellos würde man sie der billigen Demagogie bezichtigen.

Ein altbekannter psychoanalytischer Witz handelt von der Pünktlichkeit, mit der ein Patient zur Therapiesitzung kommt: Wenn er sich verspätet, ist es eine hysterische Provokation; wenn er zu früh kommt, ist es eine obsessive Zwanghaftigkeit; wenn er genau zur vereinbarten Zeit auftaucht, ist es ein perverses Ritual. Warum? Weil der Psychoanalytiker alles zum Gegenstand seiner Interpretation macht. Alles verbirgt für ihn eine pathologische Motivation. Entsprechend liegt die Wahrheit im Vorwurf des FDP-Abgeordneten darin, dass alles, was Frau Wagenknecht tut, ihm verdächtig erscheinen muss: Eine Limousine wiederspricht ihrer Ideologie; der Verzicht wäre Demagogie; und wenn sie sich einfach ganz genauso verhalten würde wie die Mehrheit der Bevölkerung, würde dies bedeuten, dass sie versucht, in der Menge unterzutauchen, um so die Tatsache zu vertuschen, dass die PDS keine "normale" demokratische Partei sein kann.

Statt also das Verhältnis zwischen Marxismus und Luxus zu ergründen, sollten wir uns lieber auf die tiefer liegende philosophische Lektion konzentrieren: Interpretation ist Macht. Und die erste Ausübung dieser Macht ist die Entscheidung darüber, was interpretiert werden soll und was nicht.

Warum nahm nun der FDP-Mann die interpretative Grundhaltung ein: "Was auch immer sie tut, es ist irgendwie falsch"? Vielleicht nicht nur, weil er die PDS nicht als normale Partei akzeptiert, sondern auch, weil er Frau Wagenknechts Jugend und Schönheit inkompatibel findet mit der Partei der DDR-Nostalgie? (Es fällt auf, dass Journalisten, die zu "erklären" versuchen, wie es sein kann, dass Sarah Wagenknecht Mitglied der PDS sein kann, oft ihren "gletscherkalten Blick" erwähnen als Indikator einer von ihnen vermuteten Kälte ihrer Persönlichkeit.)

Ein anderer alter, vulgärer Witz handelt von einem Trottel, der sich bei seinem ersten Geschlechtsverkehr von seinem Mädchen ganz genau erklären lassen muss, wie das Ganze funktioniert. Nachdem sie ihm mehrmals gesagt hat: "Rein. Raus. Rein. Raus", unterbricht er sie. "Ja, was denn nun? Rein oder raus?" Verhält sich der arme FDP-Mann nicht ganz ähnlich? Lautet nicht sein eigentlicher Vorwurf an Sarah Wagenknecht: "Entscheiden Sie sich! Sind Sie drin (im System, mit seinen Privilegien) oder draußen?"

Worauf sie ihm mit vollem Recht antworten könnte, dass sie beides haben kann: Warum sollte sie nicht ihr Leben genießen, während sie für jene kämpft, denen das nicht vergönnt ist?