Ginge es allein um die Versorgung mit einigen wichtigen Gütern der Wohlstandswelt, dürften sich die Deutschen im deutschen Osten eigentlich nicht beklagen. Fast 98 Prozent der Haushalte in Neufünfland besitzen einen Fernseher - mehr als im Westen. Über 99 Prozent haben einen Kühlschrank - mehr als im Westen. Waschmaschinen, Gefriertruhen, Videorekorder: Die allermeisten Ostdeutschen nennen diese Geräte ihr Eigen. In jedem Fall: mehr als im Westen.

Neben den vielen schlechten sind das nicht die einzigen guten Nachrichten aus dem Osten. Seit die Mauer fiel, haben sich Löhne und Renten in den neuen Bundesländern verdoppelt. Die Haushaltseinkommen sind netto um 90 Prozent gestiegen. 750 000 Wohnungen wurden seit 1993 hochgezogen, vier von zehn Ostdeutschen besitzen heute ihr eigenes Heim. Das Telefonsystem ist eines der modernsten der Welt. Neue Straßen und Autobahnen wurden gebaut, das Schienennetz wurde elektrifiziert. Von Umweltverschmutzung wird kaum geredet, Smog und stinkende Flüsse sind eine Sache der Vergangenheit. Ostdeutschlands Städte "glänzen mit Shopping-Malls, modischen Cafés und wunderbar restaurierten alten Gebäuden", schrieb vor einem Jahr - zum zehnten Jahrestag der Wiedervereinigung - der Londoner Economist.

Möglich, dass sich der Schreiber des britischen Wirtschaftsblatts vor allem dort aufhielt, wo es wirklich spür- und sichtbar aufwärts geht - in Dresden etwa, in Jena oder Leipzig. Denn es gibt auch die andere Seite der Statistik. Gerhard Schröder jedenfalls wird vom "Aufschwung Ost" nicht sehr viel hören, wenn er in dieser und der nächsten Woche durch Deutschlands Osten reist. Eher von Stagnation, davon, dass die Lage schlecht ist, dass es in den neuen Bundesländern nicht mehr vorwärts geht.

Erfolge beim Export

Der Beweis? Zunächst das Wachstum. Seit 1997 wächst die Wirtschaft im Osten langsamer als im Westen. Die Produktivität ist gestiegen - hat aber auch im Jahr elf nach dem Mauerfall erst wenig mehr als zwei Drittel des Westniveaus erreicht. Vor allem jedoch steigt die Arbeitslosigkeit. Im Juli lag die Quote bei 17,3 Prozent. Im Westen waren es 7,4 Prozent. Zählt man all jene hinzu, die mit staatlicher Unterstützung im zweiten Arbeitsmarkt verschwinden, dürfte heute jeder vierte potenziell Erwerbstätige in den neuen Ländern ohne reguläre Anstellung sein.

Die eine oder andere schlechte Zahl lässt sich durch den Absturz der ostdeutschen Bauwirtschaft und die Schrumpfung des Staatssektors erklären. Beides, befand das Wirtschaftsforschungsinstitut in Halle, habe Fortschritte im Aufbauprozess überlagert - etwa den vergleichsweise rasanten Zuwachs im verarbeitenden Gewerbe des Ostens. Das legte im vergangenen Jahr stärker zu als im Westen. Auch die steigende Wettbewerbsfähigkeit der ostdeutschen Industrie auf den Auslandsmärkten macht Hoffnung. Immerhin 21 Prozent der Produktion werden inzwischen jenseits der nationalen Grenzen verkauft, Mitte der neunziger Jahre waren es erst 12 Prozent.

Tatsache aber bleibt, dass sich das Wachstum im Osten Deutschlands auf einige wenige Zentren und ein paar Branchen konzentriert. Autokonzerne haben in Sachsen und Thüringen rund 100 000 Arbeitsplätze geschaffen, in Jena florieren die Optik und die Biotechnologie, in Dresden die Mikrotechnik und die Informationstechnologie, in Bitterfeld die Chemiebranche. Ansonsten ist der Osten ein weitgehend deindustrialisiertes Land. Von den 100 größten deutschen Unternehmen hat kein einziges seinen Sitz in den neuen Bundesländern. Die 100 größten ostdeutschen Firmen machen zusammen einen Umsatz von etwa 80 Milliarden Mark im Jahr - halb so viel wie VW. Überhaupt fehlen Unternehmer und Unternehmen. Auf 100 000 Einwohner kommen im Westen 450 Betriebe, im Osten 360.