Kurz nach dem Ende der DDR erschien der Salzgitterreport, eine Dokumentation von Unrechtsurteilen und Haftbedingungen. In einem Vorwort nannte die Ministerin für innerdeutsche Beziehungen, Dorothee Wilms, den Report einen "ersten wichtigen Schritt ... zur umfassenden Auseinandersetzung mit diesem bedrückenden Kapitel deutscher Zeitgeschichte". Seitdem sind Hunderte von Zeitzeugenberichten über die menschenrechtswidrigen Zustände in den DDR-Haftanstalten erschienen, zumeist als Broschüren von Gedenkstätten oder in Klein- und Selbstverlagen. Deshalb wurde ihr Inhalt auch nur von einer begrenzten Öffentlichkeit wahrgenommen. Nun kommt ein Buch heraus, das dies ändern könnte. Es ist spannend und flüssig geschrieben und erzählt eine atemberaubende Story. Es ist die Autobiografie von Wolfgang Welsch, der nach gescheitertem Fluchtversuch und fortgesetzter oppositioneller Tätigkeit ein halbes Dutzend Jahre in DDR-Haft verbrachte.

Welsch nennt sein Buch Ich war Staatsfeind Nr. 1. Für die DDR war er das nicht unbedingt, da gab es andere, die ihr weitaus lästiger waren. Aber Welsch selbst sah sich so. Er wollte dem Staat, der ihm so zuwider war, schaden, wo er konnte; zunächst mit Opposition, Provokation und Renitenz im Inneren. Seiner Richterin sagte er zum Beispiel, sie erinnere ihn an den Nazirichter Roland Freisler. Nach dem Freikauf schadete er der DDR vom Westen aus, indem er eine der effektivsten Fluchthilfeorganisationen aufbaute, die so perfekt organisiert war, dass es der Stasi nicht gelang, sie zu unterwandern.

So beschlossen Mielkes Mannen, den Fluchthelfer gewaltsam aus dem Weg zu räumen. Welsch berichtet von drei Mordanschlägen gegen ihn, von denen der letzte - mit Thallium vergiftete Bouletten, die ihm ein "Freund" und Stasi-IM beim Israel-Urlaub brät - durch Gerichtsurteil und Geständnis des Angeklagten im Jahre 1994 genauestens belegt ist. Der Kopf des Mordkomplotts, der Stasi-General Fiedler, hat sich in der Untersuchungshaft erhängt. Es gibt ähnliche Fälle, in die die Stasi offensichtlich verstrickt war: Der Fußballer Lutz Eigendorf, der Mielkes Verein Dynamo entfloh und bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben kam; Michael Gartenschläger, der an der Grenze Schussautomaten abbaute und aus dem Hinterhalt erschossen wurde; der Fluchthelfer Hans Lenzlinger, den Unbekannte umbrachten. Nur bei Welsch ist die Täterschaft endgültig bewiesen.

Welsch benennt seine "körperlichen und seelischen Verletzungen" als Motive seines Handelns. Sie haben ihm offenkundig auch die Feder geführt. Erinnern ist subjektiv. Welsch findet keinen Abstand. Sämtliche Dialoge zitiert er in direkter Rede, selbst wenn er nicht dabei war. Kein Mensch kann nach Jahrzehnten rekonstruieren, was er oder andere wörtlich gesagt haben. Er schildert eine Scheinhinrichtung. Er behauptet, nur in Unterwäsche in einer Zelle mit eisbedeckten Wänden, also bei Minusgraden, acht Tage überlebt zu haben. Es gibt, soweit der Rezensent weiß, keinen anderen DDR-Häftling, der Derartiges erlebt hat. So stellt sich hier und da Skepsis ein. Das ist schade, weil dieses Kapitel deutscher Zeitgeschichte immer noch zu wenig bekannt ist. Die Wahrheit ist schlimm genug.

Wolfgang Welsch:Ich war Staatsfeind Nr. 1 Als Fluchthelfer auf der Todesliste der Stasi; Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2001; 446 S., 49,80 DM