DIE ZEIT: Herr Renner, Sie haben einmal gesagt, früher sei die Musikbranche eine Disco gewesen, in der auch schmutzige Geschäfte stattfinden konnten, heute habe sie mehr von einem Café mit Neonbeleuchtung. Das klingt ernüchternd.

TIM RENNER: Das Bild der Discothek war als Beispiel gedacht für einen Ort, an dem man extrem viel Spaß hat. In dem Moment, in dem du das Licht anschaltest, vergisst du die Magie, und es geht nur noch ums Geschäft. Das Problem, das die Musikindustrie, die ja gerade sehr unter Druck steht, in der Tat zu großen Teilen hat: sie hat sich über die Jahre sehr entfernt von einer Musikbezogenheit hin zu einer abstrakten Produktbezogenheit. Das gilt sicher nicht für den Kollegen von Trikont, aber eben für die Musikgroßbetriebe.

DIE ZEIT: Herr Bergmann, was wäre Ihr Bild für die Branche?

ACHIM BERGMANN: Tim Renner hört sich wehmütig an, wie jemand, der gerne in der Nähe der Fülle des Lebens geblieben wäre. Die Realität sieht so aus, dass der Raum, in dem er arbeitet, eher ein Vorzimmer der Börsianer geworden ist. Das ist das Grundproblem, mit dem alles anfängt: Wie gehe ich mit Kultur um? Musik spielt in der Musikindustrie, die alles dominiert, nicht mehr die Rolle, die sie spielen müsste. Sie wurde einem Entwertungsprozess unterworfen, der das, was daran einmal attraktiv war, beschädigt hat.

DIE ZEIT: Hat die fonografische Industrie sich selbst entzaubert, indem sie sich von ihren Wurzeln im Rotlichtmilieu lossagte und seriös wurde?

TIM RENNER: Jein. Der erste Fehler wäre, eine amerikanische Realität oder Vergangenheit auf hiesige Verhältnisse zu übertragen. Ich bin ja selbst als gescheiterter investigativer Journalist in diese Industrie gekommen und musste schon damals, vor 15 Jahren, sehr zu meiner Enttäuschung feststellen, dass sich solche glamourösen Storys, wie man sie in Büchern nachlesen kann, überhaupt nicht ergeben. In Deutschland wurde die Gründergeneration, auch wegen des Alters, in den Achtzigern weggespült und mehr und mehr ersetzt durch reine Geschäftsleute, die ihre Wurzeln teilweise in der Motorradindustrie hatten. Das führt natürlich zu einer extremen Versachlichung.

ACHIM BERGMANN: Man hat aber aus alldem nichts gelernt. Vor 15 Jahren gab es schon einmal eine Krise, als die Preise für die LP fielen und kleine Firmen wie wir die Händler anbetteln mussten, unsere Platten für einen angemessenen Preis zu verkaufen. Wundersamerweise bescherte die Durchsetzung der CD dann wieder saftige Gewinne, aber eben auf rein technischer, nicht inhaltlicher Basis. So musste man vonseiten der Industrie keine Schlüsse daraus ziehen, dass die Musikbedürfnisse breiter Schichten verloren gegangen sind, weiter verloren gehen. Das, wovon die Branche leben müsste, ist de facto nicht produziert worden in diesem Zeitraum, das Nichtverhältnis zur Musik hat sich bloß weiter dramatisiert. Man kann das an allen Ecken und Enden sehen.