Es begab sich aber zu der Zeit, die wir die Wende nennen, dass die Medien des Frohen Landes DDR ein trauriger Tod ereilte. Selbiger drohte auch Mittwoch, dem philosophischen Wochenblatt für Guppykunde, Zeitgeschehen und Kultur. Da machte sich Chefredakteur Dr. Rudolf Willi auf nach Hamburg, wo, wie er empfand, ein wesensähnliches Blatt erschien: Die Uhr. Dr. Willi sondierte Möglichkeiten einesJoint Venture, wurde zum Essen ausgeführt und kulturvoll abgefüllt. Uhr-Verleger Buderius und seine Herausgeberin, eine Gräfin, versprachen Gegenbesuch. Denn sie kannten den Mittwoch nicht.

Dieses Manko teilten die Hamburger mit den meisten DDRlern. Der Sonntag, wie er in Wahrheit hieß, war ein Ventilblatt für halbfreche Ostintellektuelle, mit künstlich limitierter Auflage von etwa 20 000 Exemplaren. Ein Abonnement konnte man nur erben. Das verschaffte der zwölfseitigen Postille einen Ruf freigeistiger Exotik, den Das Pissoir aufs Ergötzlichste demontiert. Autor Sabath (im Buche Hubert Kowalski, Mittwoch-Redakteur für Trappenkunde und Humorigkeit) präsentiert die Redaktion als anarchisches Panoptikum und das geschätzte Blatt als Medium des höheren Blödsinns. Da kriegt jeder Affe seinen Zucker, von Üwchen, dem fuß- und nasenläufigen Boten, bis zum Chefredakteur, dem brustkranken Gutmenschen Dr. Willi, der sich weigert, seinem Flohzirkus den Dompteur zu machen.

Dies aber wäre seines Amtes gewesen, denn gegenüber dem Mittwoch-Gehäuse residierte, getrennt, nur durch ein Abstandsgrün (vulgo: Rasen) die Staatspartei mit der kulturamtlichen Madenhackerin Ondula Wischfest-Cottbus, die im wirklichen Leben Ursula Ragwitz hieß und den Sonntag auf Konterbande durchwühlte. Da blieben Dr. Willi (alias Wilfried Geißler) oft nur die schwejksche Emigration, der geliebte Pfefferminzlikör und glucksende Erinnerung an seine mecklenburgischen Lehrjahre, als ihm der Sozialismus noch lyrische Schlagzeilen entrang: MIT TETEROWER SCHWUNG / REIN IN DIE FRÜHJAHRSBESTELLUNG. Und: DEM ADENAUER EINEN STRICK / DREHT UNSER SCHÄFER PAPENDIECK. Es sei dann aber der Schäfer vor Adenauer gestorben.

Wolfgang Sabath hat keine Anatomie der Sonntag-Meriten fabriziert, sondern eine kichernde Milieu-Erinnerung mit Abgründen. Die Stasi saß ja auch in dieser Redaktion. Und nichts charakterisiert die vergrübelte Sesshaftigkeit des Blattes treffender als sein Kraftfahrer, der höchst ungern den Wolga anwarf aus Angst, bei der Rückkehr den Parkplatz besetzt zu finden. Ach, und der Glöckner, der Umtauscher, die erotisch orientierte Gina Endjar, das Reporterduo Groß & Benjamin mit seinen antitotalitären Porträts von Kohlenfahrern, Nudisten und Leichenbestattern ... Sie alle gab und gibt es; jede Episode stimmt - auch die vom Gegenbesuch des Verlegers Buderius, in dessen banger Erwartung die Mittwoch-Redakteure ihr naturbelassenes Pissoir schrubbten, auf dass es Hamburg ein Wohlgefallen sei. Und dann ging die Türe auf, und ...

Die ZEIT hat den Sonntag nicht geheiratet. Zustande kam nur eine gemeinsame Beilage zur Leipziger Buchmesse 1990. Im Herbst 1990 fusionierten dann Sonntag und Deutsche Volkszeitung zum Ost-West-Wochenblatt Freitag. Das Sonntag-Haus birgt heute die marokkanische Botschaft. Die Federn des Sonntags entflogen zur Woche, der Berliner Zeitung, dem Parlament ... - ja, auch zur ZEIT, und in den Unruhestand, wie Wolfgang Sabath, der aus seiner Erinnerung ein bissiges Vergnügen gemacht hat. Über Wilfried Geißler, ihren alten Chefredakteur, schrieb unlängst Jutta Voigt: "Als die neue Zeit kam, starb er; viele weinten um ihn."

Wolfgang Sabath:Das Pissoir MV Taschenbuch, Rostock 2001; 100 S., 19,80 DM