Ahlbeck

Wo isser denn? - Na da! Musst näher rangehn! - Mensch, da isser ja! - Siehst du ihn? - Momentan nicht. Die Familie am Bahnhof Ahlbeck-Grenze reckt die Hälse. Ein Mädchen kommt angerannt und wedelt mit einem grünen Handtuch: Ich hab ein Autogramm von Schröder!

Politiker, die reisen, faszinieren. Denken Politiker. Bill Clinton reiste vor fünf Jahren mit seinem "Twenty-First-Century-Train" von Washington nach Chicago zum Parteitag der Demokraten. Die Zugfahrt wurde live ins Convention Center übertragen, drei Tage lang. Am Ende sagte der Präsident: "Ich habe den Menschen in die Herzen geschaut, und was ich sah, gefiel mir."

Damit verglichen ist Schröder ein Reisender 2. Klasse, ein scheuer Bildungstourist. "Lernen" wolle er, sich vom Osten ein Bild machen, sagt er beinahe demütig. Aber, und das könnte so etwas wie ein Leitmotiv für seine zweiwöchige "Sommerreise" werden, er "möchte auch etwas deutlich machen": dass nämlich die Verschmelzung der gar nicht mehr so neuen Länder mit den östlichen Nachbarstaaten keine Ängste auslösen muss, dass in der EU-Erweiterung "'ne Riesenchance" steckt.

Fast wie ein Staatsbesuch

Wer Riesiges verdeutlichen will, darf nun auch nicht zu unauffällig auftreten, und so verdüstert sich der Himmel über Greifswald, als Schröder einschwebt. Bedrohlich senkt sich der Kanzlerhubschrauber, die Wagenkolonne lässt die Motoren an. Ein Staatsbesuch in Moskau macht weniger her. In den schwarzen Audis sitzen außer dem Bundeskanzler: ein Staatsminister (Schwanitz), ein Ministerpräsident (Ringstorff), eine Büroleiterin (für den Kanzler), ein Büroleiter (für den Staatsminister), zwei leitende Beamte, drei Sicherheitsbeamte, ein Notarzt, ein Rettungsassistent, ein mecklenburg-vorpommerscher Bildungsminister, eine mecklenburg-vorpommersche Protokollchefin, und das sind bestimmt noch nicht alle. Besucht wird das Institut für Anatomie der Ernst-Moritz-Arndt-Universität, wo der Bundeskanzler mit einem neu entwickelten Wasserstrahl-Skalpell einen halben Pfirsich entkernen wird. Hundert Menschen soll die Serienproduktion des Gerätes Arbeit bringen, wenn auch in Tübingen. Dennoch: "eine Riesenchance".

Bewegung macht den Meister. Erst der unruhige Fuß verbindet sich mit der ruhigen Hand zu einem harmonischen Ganzen. Reisen bildet, vor allem das Image: Der Reisende strahlt Neugier aus, Tatendrang, Unbestechlichkeit durch Augenschein. Vermutlich ist die Frage wohlfeil, ob Schröder in die jungen Länder reist, weil sie ihn interessieren oder weil sie ihn interessant machen sollen. Im Grunde, sinniert Werner Schulz, der grüne Sondergast des Kanzlers, gehe es dem Kanzler wie der PDS: Wenn die Postsozialisten einen Kranz am Grab von Maueropfern ablegen, werden sie der Heuchelei geziehen - lassen sie es, heißt es, sie lernen nichts dazu. Schröders Zwickmühle mahlt ähnlich: Fährt er in den Osten, inszeniert er sich selbst - bleibt er weg, hat er kein Herz. Also hinfahren. Ist ja auch schon "Tradition", wie Schröders Umgebung verbreitet. Tradition im zweiten Jahr - das kann nur erfinden, wer mit der Geschichte auf leichtem Fuße lebt, für den zwölf Monate eine Ära sind und vierzig Jahre eine solche Ewigkeit, dass man am 13. August weder in Greifswald noch in Zinnowitz ein Wort über den Mauerbau verlieren muss.