Können wir uns Oscar Wilde als einen glücklichen Menschen vorstellen, wenn er so als Gast im Literarischen Quartett säße, und alle redeten noch schneller als er? Oder bei Stefan Raab, gerade den Verfall des Lügens erklärend, während Raab schon den Finger auf die Taste für den finalen Lacher legt? Auch Martin Walser mögen wir uns an solchen Orten nicht vorstellen, wenngleich Harald Schmidt wohl schon lockt. Das hätten sie beide nicht verdient, Wilde nicht, der das Leben ganz an die Oberfläche verlegen wollte, wo die Bonmots nur so perlen und die Gefühle Paisleymuster bilden wie Schlieren auf der Seifenblase, und Walser nicht, der für gewöhnlich von ganz anderen, eher körperlichen Schlieren und Blasen erzählt.

Wieso Walser und Wilde? Weil auch Walser ungestüm zur Oberfläche strebt, weil er, der ehemals Tiefe, sein Leben inzwischen nach vorwärts in den Roman lebt und es nach rückwärts in der Bunten versteht, weil er seinen literarischen Realismus in der Welt wiederfinden will, wo seine Gestalten so zu sein scheinen wie seine Leser, so viele Susi Gerns, und er selbst wie diese und wie jene zu werden beginnt, kurz: ein Kosmos ganz aus Erzähltem, vor allem ohne Kritik an Walser.

Wilde konnte nicht ahnen, dass die Oberfläche des Lebens gut hundert Jahre nach seinem Tod zur Benutzeroberfläche mutierte. Und dass die Benutzer von der "Wichtigkeit, Ernst zu sein", nichts mehr wissen wollen, sondern ihre Kinder auf einmal "Budweiser" nennen und Red-Bull-beschwipst mit dem Fallschirm über dem Gelsenkirchener Parkstadion abspringen, wo es seit neuestem im Untergeschoss eine Kapelle gibt "für den Kampf mit sich selbst".

All diese Dinge quälen sicher auch den Feinfühligen. Aber Walser, laut Selbstauskunft "cremesüchtig, eifersüchtig, sehnsüchtig" (Gala), stürzt sich geradezu in die gefährliche, man möchte sagen: Oscar Wildesche Probe aufs Exempel seiner Susi-Gern-Welt. Nun sein Virtuosenstück in Sachen Benutzeroberflächenästhetik, die atemberaubende Volte in Walsers Krieg gegen die Verständnislosen: Neun Stunden lang gibt er dem stern kein Interview, dann spaltet sich die deutsche Dichtermonade in einen "Walser" und einen "Luik" auf und zahlt es endlich allen naseweisen kritischen "Liberalmönchen" heim. Er überlässt den Monolog danach der kleinen, engagierten Literaturzeitschrift Der Spiegel undhat damit, Teufel, die unbarmherzige Logik der Medien geknackt: Dichters Stimme unverfälscht, jetzt redet er, schneller als Quartette und Rezensenten, länger ohnehin.

"Das ist das schlechthin Furchtbare", meint der Gekränkte mit Augenzwinkern, "dass man auch auf etwas reagiert, das keine Reaktion wert ist." Wie Recht er hat. Die Liberalmönche ziehen sich zur Buße in die Katakomben des Parkstadions zurück. Susi Gern blättert in einem Selbstgespräch mit Martin Walser, aber sein Buch würde sie lieber nicht lesen wollen.