Im Innenhof der großzügigen Anlage in der Nobelgegend San Filtrone im Norden Mailands, in dem auch Steffi Graf mit ihrem Sohn Andrea ein paar Monate nach ihrer spektakulären Trennung ein 12-Zimmer-Appartement bewohnt hatte, steht ein großer, vielleicht etwas überproportionierter Brunnen, aus dessen oberster Schale eine hohe, druckvolle Wassersäule dringt. Einer der Portiers, den ich mir mit einem großzügigen Obolus gewogen gemacht habe, erzählt mir, dass ein Scherzbold vor ein paar Tagen einen kleinen Plastikball auf die Spitze des Strahls geworfen habe. Der Plastikball habe sich gedreht, oben auf der Spitze des Wasserstrahls, so hoch oben, dass niemand mehr hingekommen sei. Man habe hin und her überlegt, was man tun solle. Einer seiner Kollegen wollte eine große Leiter holen, ein anderer die Feuerwehr. Dann aber sei zufällig Signor Deisler vorbeigekommen und habe vorgeschlagen, einfach für einen Moment das Wasser abzustellen. Fabelhafte Idee! Er ist beliebt, beim Hausservice, in der ganzen Stadt, in ganz Europa - das war nicht immer so. Auch darüber, über die dunklen Momente seiner Karriere, werden wir sprechen müssen.

"Erinnern Sie sich an mich?", das ist meine erste, wohl überlegte und wohl gerade für ihn verblüffende Frage an den frisch gekürten Weltmeister. Erinnert er sich an mich? Schwer zu sagen, sein Gesicht drückt Ratlosigkeit aus, es zeigt das sympathische, nervöse Augenzwinkern, das er sich in den letzten Jahren angewöhnt hat und das fast zu so etwas wie einem Markenzeichen der "Deislerità" geworden ist, eines Phänomens, über das noch zu sprechen sein wird.

Aber Deisler hatte dieses freundliche Zwinkern in Ansätzen auch schon vor fünf Jahren, als ich den gerade 21-Jährigen zum ersten Mal vergeblich in Berlin besuchen wollte, damals angeblich im Auftrag einer großen Hamburger Wochenzeitung.

"Da müssen Sie mir helfen ...", sagt Deisler ziemlich verlegen, auf seine Uhr blickend und mich dann wieder ratlos ansehend. Sympathisch. Deutlicher und zugleich höflicher hätte er mir kaum zu verstehen geben können, dass er sich erstens noch nicht an mich erinnert und mir zweitens nicht zu viel meiner Zeit stehlen will.

Ich erzähle ihm von damals, unwillig schüttelt er den Kopf, blickt sich nervös im Raum um.

Deisler schüttelt unwillig den Kopf. Er hat schon zu viel erlebt

"Der Termin kam dann nicht zustande, aber ich habe mehrmals mit Ihnen telefoniert", sage ich abschließend. Deisler blickt mich misstrauisch zwinkernd an. Er hat zu viel erlebt.