George Bush hat entschieden. Auch die staatlich finanzierte Forschung darf in Zukunft mit embryonalen Stammzellen des Menschen arbeiten. Die Freigabe der Forschungsmittel hat der amerikanische Präsident allerdings an eine wesentliche Auflage geknüpft: Steuergeld gibt es nur für die Forschung an bereits bestehenden Stammzellkulturen.

Etwas über 60 Zelllinien wollen die Agenten der Nationalen Gesundheitsinstitute (NIH) weltweit aufgefunden haben. Die Zahl bringt selbst Experten zum Staunen. Denn in Fachmagazinen publiziert sind bisher gerade mal ein Dutzend Zellkulturen. Die Existenz von einem weiteren Dutzend wurde auf Fachkongressen verkündet. Vor wenigen Wochen schätzten die NIH-Experten selbst die Zahl auf etwa 30.

Überraschend ist vor allem, dass nun auch in Schweden und Indien Stammzellen lagern sollen. Bisher waren nur drei Staaten mit entsprechenden Vorräten bekannt: Israel, Australien und die USA. Woher genau die nun neu entdeckten Zellen stammen, darüber schweigen sich die Fahnder beharrlich aus. Viele Arbeiten seien noch nicht patentrechtlich gesichert und daher unter Verschluss. Andernorts will man die Forscher nicht gefährden. Die Labors und Unternehmen werden geheim gehalten, um ihnen den Proteststurm der Forschungsgegner zu ersparen.

Unterdessen zeigen sich konservative Amerikaner von der Entscheidung ihres Präsidenten enttäuscht. Vor allem Abtreibungsgegner werfen George Bush vor, sein Wort gebrochen zu haben. Dagegen halten die Befürworter der Forschung und viele Patientenorganisationen die Strenge des Verdikts für verhängnisvoll.

Schon wird in Fachkreisen darüber debattiert, ob 60 Zelllinien ausreichen werden, um die vielen offenen Forschungsfragen zu beantworten. Denn jede einzelne Zellkultur hat ihre ganz eigenen Charakteristika. Oft stellt sich heraus, dass sich die Zellen nicht stabil vermehren lassen oder sich in der Kulturschale plötzlich unkontrolliert verändern. Darum setzen Forscher wie der Neurowissenschaftler Jeffrey D. Rothstein von der Johns Hopkins University in Baltimore auf die Untersuchung möglichst vieler Zellen. "Jeder glaubt, seine Zellen seien die besten", erklärte Rothstein gegenüber der Washington Post. "Aber niemand weiß, welche Zellen die besten sind. Ich habe nicht vor, fünf Jahre an einer Linie zu forschen. Das wäre pures Glücksspiel - und möglicherweise eine gewaltige Zeitverschwendung." Douglas Melton, er forscht an Therapien gegen Diabetes, hat seine Erfahrungen bereits gemacht. Der Harvard-Wissenschaftler hat Zugang zu einem halben Dutzend Zelllinien aus Israel. "Nur eine davon arbeitet richtig gut", sagt Melton, "bei allen anderen gibt es Probleme."

Die Agenten der NIH arbeiten unterdessen an einem Katalog der international verfügbaren Zellen. Sie müssen aus überzähligen Embryonen stammen, deren Eltern nach gründlicher Aufklärung ihr Einverständnis zur Spende gegeben und dafür kein Geld erhalten haben. Nach dem 9. August produzierte Zellen werden nicht mehr in die Liste aufgenommen.

Sie dürfte dennoch ziemlich lang werden. Jeder Hersteller hat seine Zellen patentrechtlich schützen lassen. Die längsten Passagen des NIH-Katalogs werden im Kleingedruckten stehen. Schon fürchten Wissenschaftler Einschränkungen ihrer Arbeit, strategische Einflussnahmen der Lizenzinhaber und die Verhinderung von Veröffentlichungen. Thomas Okarma, Chef der kalifornischen Stammzellfirma Geron, versucht, die Bedenken zu zerstreuen: "Wir waren lange sehr frustriert, die Einzigen in diesem Spiel zu sein. Wenn die Konkurrenz fehlt, macht die Forschung keine Fortschritte."