Skopje

Boris Trajkovski ist ein Präsident, der einmal vor einer aufgebrachten Menge aus seinem Amtszimmer fliehen musste. Das ließe sich als Betriebsunfall in einem unruhigen Land abbuchen, denn Mazedonien steht seit Monaten am Rande eines Bürgerkrieges, sprich vor dem Zerfall jeder staatlichen Autorität. Da kann es schon passieren, dass ein Präsident vor der Wut des Mobs Reißaus nimmt.

Aber Trajkovski ist auch der Mann, der am Tag nach seiner Flucht, die er selber freilich nie so bezeichnen würde, in einer vom Fernsehen übertragenen Rede an die Nation sagte: "Ihr habt mich gewählt, um Frieden zu erhalten, nicht um Krieg zu schaffen!" Ausländischen Journalisten gab er dazu noch folgende Erklärung: "Ich bin der Präsident des Landes. Ich bin dazu da, das Volk zu führen, und nicht, ihm nachzulaufen. Das Volk muss mir folgen, nicht ich ihm!" Das nun waren keine normalen Sätze. Da war der eiserne Wille zu spüren, gegen den Strom zu schwimmen, gegen die Kräfte anzukämpfen, die den kleinen Balkanstaat in den Abgrund zogen.

Seit vergangenem Montag sieht es so aus, als hätte Trajkovski das mazedonische Volk zur Umkehr gezwungen. Er unterschrieb gemeinsam mit den Vertretern der maßgeblichen albanischen und mazedonischen Parteien ein Abkommen, um die Kämpfe zwischen den Rebellen der UÇK und der Armee zu beenden. Tiefgreifende Reformen zugunsten der albanischen Minderheit sollten der Gewalt den Boden entziehen. Das Abkommen ist keine Garantie auf Frieden, weil die UÇK selbst nicht am Verhandlungstisch gesessen hat und auch weil es unter weiten Teilen der mazedonischen Bevölkerung nicht besonders populär ist. Aber ohne dieses Papier versinkt Mazedonien mit Sicherheit im Bürgerkrieg. Das Abkommen bietet die einzige Chance auf Frieden.

Als Trajkovski am Montag in seiner Residenz in Skopje zur feierlichen Unterzeichnung des Dokuments lud, kam das einem Höhepunkt in seiner politischen Karriere gleich, obwohl er eigentlich ein schwacher Mitspieler in dem Machtdreieck Mazedonier - Albaner - Westen war. Trajkovski hätte die beiden politischen Schwergewichte, den Albaner Arben Xhaferri und den Mazedonier Lupjco Georgievski, allein nie zur Unterschrift drängen können. Für den nötigen Druck sorgten die Gesandten des Westens, die einen neuen Krieg auf dem Balkan unbedingt verhindern wollen. Ohne Trajkovski allerdings hätte den mächtigen Emissären in dem betroffenen Lande selbst etwas Entscheidendes gefehlt: ein Stimme, die den Frieden predigt, trotz allem.

Manchmal erschien Trajkovskis zur Schau gestellter Optimismus in den vergangenen Monaten völlig daneben, surreal und einigen sogar als naiv. Die Kämpfe breiteten sich immer weiter aus, die Flüchtlingszahlen schnellten in die Höhe, die Hasstiraden überschlugen sich in den Zeitungen beider Seiten - und aus dem Präsidentenzimmer kam es wie ein Mantra: Geduld, nur Geduld, alles lässt sich lösen. Es kam auch der Kernsatz: "Hundert Tage Verhandlungen sind besser als ein Tag Krieg!" Damit hatte Trajkovski eine unter den politischen Führern des Balkans äußerst seltene Qualität zur Schau gestellt: Er setzte Menschenleben an die Spitze seiner Prioritäten, nicht Macht, Einfluss, Territorien. Das macht ihn zu einer Ausnahmeerscheinung in einer Region, die zehn Jahre Krieg und Vertreibung hinter sich hat.

Worin gründet der Politiker Trajkovski seinen elementaren, humanen Ansatz? Er sagt: "Im Glauben an Gott!" Dann kann er lange sprechen über den Zusammenhang zwischen seiner Arbeit als Präsident und seiner Tätigkeit als Laienprediger der methodistischen Kirche. Er berichtet von seiner Arbeit bei mazedonischen Roma, armen Familien, denen er beistand und bei denen er, wie er betont, wohnte, "denn es ist wichtig, dass die Menschen sehen, dass man nicht nur gute Worte findet, sondern dass man ihr Schicksal mit ihnen teilt". Trajkovski lässt sich da von göttlichem Vorbild inspirieren: "Jesus hat das Volk geführt, und er hat ihm gleichzeitig gedient!" Genauso interpretiert er sein Amt, als Dienst an dem Menschen. So hat er es gelernt in seiner methodistischen Gemeinde Mazedoniens, die nicht mehr als 3000 Mitglieder zählt. "Null Komma wenig Prozent", wie er sagt. Damit weist er auch gleich darauf hin, dass er selbst einer Minderheit angehört, in einem Land, dessen Zukunft sich am Umgang mit den eigenen Minderheiten entscheidet. "Ich weiß", sagt Trajkovski, "was Diskriminierung heißt!"