Der Fall Uhlenbrock gibt allen Grund, über Stammgäste nachzudenken. Ist das Phänomen Stammgast nicht ein Relikt aus vergangenen Jahrhunderten? Als Pensionen noch Namen wie Goldener Adler oder Deutsche Eiche trugen? Als gehäkelte Deckchen auf Schanktischen lagen und Urlauber ihre Liebe zum Ort in Gäs-tebüchern verewigten? Passt der Stammgast noch in eine Zeit, in der das Angestammte ständig zur Disposition steht? Natürlich kennt man ihn aus der Literatur. E. T. A. Hoffmann wurde Stammgast im Berliner Weinhaus Lutter und Wegner, Graham Greene in Havannas Altstadthotel Inglaterra. Und Thomas Mann schickte Tony Buddenbrook (die ja auch Buddenbruck heißen könnte) in großer Regelmäßigkeit zur Naherholung nach Travemünde. Auch Tony Buddenbrook trug einen Sonnenschirm, bindfadengrau, mit Spitzen besetzt. "Was für eine prachtvolle Luft", schwärmte sie. "Man riecht den Tang bis hierher. Ich bin entsetzlich froh, wieder in Travemünde zu sein!"

"Wenn wir nach Travemünde kommen und den Skandinavienkai passieren, dann laufen mir die Tränen runter", sagt Maria Sudek, eine Dame, in deren Gesicht das Leben tiefe Linien gezeichnet hat. Maria Sudek ist 90 Jahre alt, seit 65 Jahren mit ihrem Mann Alfred verheiratet und zum 51. Mal zur Erholung in Travemünde. Im vergangenen Jahr fuhren die Sudeks noch selbst mit dem Auto von Essen bis zur Ostsee. Vor zwei Wochen brachte die Tochter sie hierher. "Die Kinder wollen ja noch länger was von uns haben", sagt Maria Sudek und wird dabei in ihrem Zimmer im Hotel Sonnenklause von einem Anruf unterbrochen. "Nimmst du ab, Goldchen?", fragt Herr Sudek. Und als seine Frau zurückkommt, sagt sie: "Das war Herr ..., der ist ja wahnsinnig alt geworden, der erzählt immer das Gleiche."

Die Sudeks erzählen viel. Aber nie das Gleiche. Dafür ist ihr Tagesablauf immer gleich. Morgens Aufstehen, halb acht. Dann zum Bewegungsbad. Anschließend: ein Strandspaziergang, manchmal zur Steilküste hoch, auf keinen Fall Mittagessen ("Da verliert man kostbare Zeit", sagt Herr Sudek), später kurz Ruhe, ein Tee und die Zeitung, abends Essen im Strandschlösschen oder in der Strandperle und Treffen mit Bekannten. "Travemünde ist eine zweite Heimat", sagt Frau Sudek.

Der Beginn jeder Reise ist immer auch eine Trennung. Vom Gewohnten, vom Alltäglichen, von der heimeligen Sicherheit. Die Tourismus-industrie bedient sich genau dieses Phänomens. Ferienfabriken wie TUI oder Thomas Cook garantieren dem Urlauber ein weltweites Zuhausegefühl. Er muss sich vor der Fremde nicht mehr fürchten, weil er die Fremde in All-inclusive-Ghettos nicht mehr spürt. Anders gesagt: Der Tourismus produziert Reisen, die immer bedeutungsloser werden. So gesehen ist der Urlaub in der Dominikanischen Republik genauso banal wie das Stammgastdasein in Bad Waldliesborn oder Travemünde. Mit dem Unterschied, dass der Ostseeurlauber zwar nicht garantiert braun wird, sich dafür aber einen anstrengenden Flug und zuweilen peinliche Folklore erspart. Und vielleicht ist die stabilitas loci, die tüchtige Beständigkeit, ja ein Garant für langes Leben.

Man kann den Stammgast als Spießbürger abtun. Man kann den Spieß aber auch umdrehen: Blickt da nicht eine neidische Gesellschaft, die sich selbst in törichten Ablenkungen und nervöser Unruhe hält, auf die touristisch Treuen und treuen Touristen? Sei es der 20. Aufenthalt im Ferienhaus auf der Kykladeninsel Paros, im Caravan am Hockenheimring oder im Hotel Des Bains auf dem Lido in Venedig. Es muss ja nicht Travemünde sein. Ohnehin, sagt Alfred Sudek, habe sich der Ort nachteilig verändert. Der Charme aus Buddenbrookscher Zeit ist verloren. Als man an der Table d'Hôte, dem Stammtisch, speiste und "bei der Kurmusik den Kaffee unter dem Zeltdach der Konditorei trank" oder im Saal den lustigen Leuten beim Roulette zusah. "Anfangs wohnten wir in einer Villa in der Kaiserallee 9", sagt Herr Sudek, "aber hier haben sie ja alles abgerissen, die Villa ist weg, die Besitzer sind weg, die schönen Hotels sind weg." Aber warum um Himmels willen sind die Sudeks noch da? Wenn doch vieles so furchtbar ist? Warum sitzen sie im immer gleichen Hotel, machen den immer gleichen Spaziergang, blicken in die immer gleichen Gesichter? Essen im immer gleichen Restaurant? Zumindest jedes Jahr im Sommer für drei Wochen?

Um das zu verstehen, muss man kurz in der Geschichte der Sudeks kramen. Nach dem Abitur im Jahre 1928 in Essen zog Alfred Sudek nach Danzig, um an der Technischen Hochschule zu studieren. Dort verliebte er sich erstens in Maria und zweitens in die Ostsee. Die beiden entwickelten eine Leidenschaft fürs Schwimmen. Diese Leidenschaft, sagt er, habe bis heute gehalten, selbst bei 16 Grad Wassertemperatur bade er in der Ostsee. "Meine Frau", sagt Herr Sudek, "schwimmt nicht mehr. Sie hat einen Herzschrittmacher, und wer weiß, ob das Ding die Temperaturunterschiede verkraftet."

Aber die Liebe zur Ostsee allein machte aus den Sudeks noch keine Stammgäste. Man muss also noch weiterkramen. Und dann landet man automatisch im Travemünde der dreißiger Jahre: Alfred Sudek entwickelte und testete hier eine Zeit lang Flugboote für die Lufthansa. Seinen ersten Transatlantikflug startete er in Travemünde. Das war 1936. In alten Bildbänden sieht man Herrn Sudek mit seiner Maschine unter der New Yorker Washington Bridge hindurchfliegen. Als Hitler die Lufthansa für den Zweiten Weltkrieg missbrauchte, entwickelte Herr Sudek Jagdbomber. Nein, in der Partei sei er nie gewesen. "Ich habe mich schon im Studium mit einem Gauleiter angelegt", sagt er.