Elektronische Musik wummert über einen brusthohen Tresen, der Zerberus, der dahinter wacht, trägt Ziegenbart, ein popbuntes Hemd und surft durchs Internet. Willkommen im C3, dem Center for Culture & Communication, dem virtuellen Herzen Ungarns.

Unter den kreuzgewölbten Decken, wo sich schon im Mittelalter irgendwelche freiheitsliebenden Querulanten versammelten, stapeln sich heute Computer, Bildschirme, Zubehör. Was davon noch nicht, was schon nicht mehr in Betrieb ist, wissen die Maschinen allein; jede Zukunftswerkstatt trägt den Hardwarefriedhof bereits in sich. Wie Lianen wuchern Kabelstränge durch die Räume, luftwurzelgleich hängen tote Strippen herum. Es herrscht das elektrisierende Durcheinander, das allen High-Tech-Bastelbuden weltweit gemeinsam ist, jene Atmosphäre, die von durchhackten Nächten und zu vielen Zigaretten, von einem Abonnement beim Pizzaservice und dem letzten Rendezvous mit einer Bürste vor drei Jahren kündet. Aber wer ist der so freundliche wie rundliche Herr mit der Goldrandbrille und dem Haarwuchs, der an den Augenbrauen wieder gutzumachen versucht, was er auf dem Kopf versäumte? Der verschreckte Vermieter vielleicht, der schauen will, ob sein historisches Kleinod noch nicht sturmreif programmiert ist von einer Generation, die er nicht versteht? Von wegen, das ist Miklós Peternák, der Anführer dieser Horde Pioniere in der Puszta aus lauter Nullen und Einsen. Er ist nicht nur der Direktor des C3, des C kubik, wie er sagt, sondern hat diese in ganz Mittel- und Osteuropa einzigartige digitale Quasselbude in Potenz miterfunden.

Alles begann mit nicht mehr als dem Schlag eines Schmetterlingsflügels. Der aber kann eine ganze Welt zum Einsturz bringen. Sagen jedenfalls die Chaostheoretiker. Ein minimales Fächeln am einen Ende der Welt löst am anderen einen Wirbelsturm aus. Diese Sicht der Dinge hat im umsturzerfahrenen Ungarn einige Anhänger. A pillangó-hatás heißt der Schmetterlingseffekt hier. Und so hieß auch eine Ausstellung in der Budapester Kunsthalle im Winter 1995/96, Mitkurator: Miklós Peternák. Auch sie hat, wenn schon nicht die Welt, so doch immerhin das Land verändert, das man bis dahin immer noch, leicht geschichtsvergessen, als lustige Baracke des Sozialismus, als Gulaschkanone mit Geigenklang lieb hatte. Im Wesentlichen war das revolutionäre Geflatter ein Geflacker auf Bildschirmen, A pillangó-hatás zeigte zeitgenössische Medienkunst im historischen Zusammenhang, beschrieb noch einmal den Weg vom Guckkasten zur Digitalkamera, vom Zeichenautomaten zum interaktiven Kunstwerk, vom Panorama zum Video, also die 500 Jahre lange Geschichte des technisch gemachten Bildes. Das eigentliche Erfolgsgeheimnis waren indes nicht, das gibt Peternák gerne zu, die zum Teil kruden Objekte. Der Trick war: Es gab was umsonst. Auf vier Terminals konnten die Ausstellungsbesucher kostenlos durchs Internet surfen - der erste Netzzugang für jedermann in Ungarn.

Organisiert und finanziert wurde diese digitale Karitas mit Kunstanspruch vom Soros Centre for Contemporary Art, das schon seit 1984 mit dem Geld des ungarischen Börsen-Künstlers George Soros die Kunst förderte, die außerhalb des staatlich verordneten Geschmacks lag. Soros beziehungsweise seine Stiftung wollte auch ein Programm auflegen für Forschung über das Internet. Und so, erzählt Peternák, kam eins zum anderen: "Die Soros-Leute sahen: Das ist eine interessante Ausstellung, und diese Typen haben sie zustande gebracht. Wir wollen so ein Forschungsprogramm und haben das Haus" - eben jenes historische Gemäuer in der Országház utca, bis dahin Sitz der Stiftung. Am 22. Juni 1996 hatten die vier Faktoren, die vier Flügelschläge des Schmetterlings, ein handfestes Ergebnis: Das C3 wurde eröffnet, mitfinanziert von Matav, dem ungarischen Telekom-Pendant, und Silicon Graphics Hungary.

Drei Ziele sollten die alten Ausstellungsmacher im neuen Zentrum verfolgen: Kenntnisse über das Internet verbreiten, die technische Entwicklung vorantreiben und sie mit der Kunst verbinden. Zum Erreichen von Ziel eins beklauten sie sich erst mal selbst und griffen die Idee der Ausstellung auf: kostenloser Netzzugang für alle. Diesmal waren es zehn Terminals, dazu Kurse für Kinder und Erwachsene. "Weil die Verbindungen damals so schlecht waren, kauften wir eine stehende Satellitenverbindung", erinnert sich Peternák. Auf das Haus aus dem Mittelalter kam eine Schüssel, "wir hatten die beste Verbindung in ganz Ungarn". Außerdem profilierte sich das C3 als Internet-Provider für Hunderte nichtkommerzielle Organisationen, Büchereien, Galerien, Theater, Schulen, Umweltaktivisten.

Wie ein gutartiger Virus verbreitet sich seither die Formel C3 im Netz; sie findet sich nicht nur in der Adresse von Videospace Budapest, einem Trio um den deutschen Künstler Eike, der bald nach der Wende in Budapest hängen blieb (www.videospace.c3.hu). Das unabhängige Roma Press Center (www.romapage.c3.hu), das Informationen über das Leben der Roma-Minderheit im Lande endlich auch in die zum Teil xenophoben Mainstream-Blätter bringen will, ist genauso via C3 zu erreichen wie der Club der Badminton-Fans (www.c3.hu/…badminton). Selbst die ungarische Abteilung der Antikorruptionsagentur Transparency International kämpft gegen die allzu losen Geschäftssitten im Wilden Osten vom Server des C3 aus (www.c3.hu/…tihun/2_000.htm).

Auch die Forschungsarbeit des Zentrums folgt postideologischen Idealen. Nach mehr als 40 Jahren Zensur und Indoktrination sind freier Zugang zu jeder Art von Information und ungehinderte Kommunikation die Fetische der neuen Zeit. Deshalb entwickelten die Tüftler am C3 zunächst ein kostenloses E-Mail-Programm für das World Wide Web: freemail, das erste Programm seiner Art in Europa. Nach einer Woche nutzten 1000 Leute die Erfindung von der Budaer Burg, nach einem Jahr 100 000, und heute, da freemail längst für viel Geld an eine Matav-Tochterfirma verkauft ist, stehen rund 600 000 Menschen miteinander in Verbindung dank ungarischem Know-how.