Domodossola ist das Zentrum der italienischen Region Ossola im Piemont. Der Nationalpark liegt keine 100 Kilometer von Mailand entfernt direkt oberhalb des Lago Maggiore. Dennoch bohren sich das Ossolatal und seine Nebentäler, zu denen das Val Grande gehört, tief in die Schweiz hinein. Die kulturellen und selbst die sprachlichen Verbindungen zu den Eidgenossen sind groß.

»Mietet euch unten am Lago di Mergozzo ein. Nur drei Kilometer vom Lago Maggiore entfernt, aber völlig ruhig«, wird uns in Domodossola geraten. Mergozzo ist ein gutes Basislager für Urlaub mit Kind. Ideal zum Schwimmen, zwei kleine Hotels, eine Ferienanlage und ein mittelalterlich anmutender Ort, in dem sich am frühen Abend die Familien mit Kindern vor der Trattoria La Cantina zum kulinarischen Highlight des Tages treffen - Pizza, was sonst.

Am nächsten Tag verschaffen wir uns zunächst einen Überblick über das Val Grande. An den Almhütten von Ruspesso vorbei erreichen wir locker die 1000 Meter hoch gelegene Schutzhütte Fantoli. Trotz des Trubels unten am See sind wir die einzigen Gäste. Hinter dem Gebirgsbach steigt ein Pfad steil nach rechts in den Wald auf. Der Weg ist glitschig. Nur mühsam kommen wir voran. »Ich bin doch kein Steinbock«, mault Adrian. Aber auf dem Gipfel des 1352 Meter hohen Monte Faié entschädigen grandiose Blicke auf die Eisfelder des Monte Rosa, das dicht bewaldete Val Grande sowie 1000 Meter direkt unter uns den Lago Maggiore und unseren kleinen See. Der Rückweg über steile Wiesenhänge ist schnell gefunden. Vor der Fantoli-Hütte duftet schon die Polenta. Schnell sind die Strapazen vergessen.

Cicogna ist die heimliche Hauptstadt des Val Grande. Wir folgen der Nationalparkstraße nach Rovegro. Jetzt fehlen noch sieben Kilometer bis zu dem abgeschiedenen Bergdorf. Hinter dem Tunnel unten am Rio Val Grande stellen wir entnervt unser Auto ab und starren zuerst auf die Wanderkarte, dann ungläubig auf das dreisprachige Schild »Lebensgefahr«. Der hübsche Weg läuft harmlos an einem Kanal entlang. Feste Balken, Holzgeländer, unter uns kleine Wasserfälle. Auf der anderen Seite der Brücke Stufen im Fels und eine stabile Hängebrücke aus Eisen für Fußgänger. Wir folgen dem Fluss, der dem Nationalpark seinen Namen gibt. Immer auf gleicher Höhe.

Hinter einer Biegung schreit Adrian plötzlich auf. Er ist mit einem Fuß in den Steg eingebrochen. Ohne dass wir es gemerkt haben, ist der vermeintliche Wanderweg zu einem ungesicherten Pfad mutiert. Morsche Holzbretter im Fels, abgebrochene Planken und abgestürzte Geländer. Dahinter glitschige Steine. Von Meter zu Meter wird es feuchter. Überall dringt Wasser aus den Felsen. Mit zittrigen Knien tasten wir uns zurück in sicheres Terrain.

Neue Karten müssen her

Im Circolo, der Bar von Cicogna, treffen wir auf Christian. Der IBM-Aussteiger - »immer bis Mitternacht« - verbringt nun seine Tage in der Wildnis des Val Grande, bis im Oktober der Letzte in Cicogna die Rolladen dichtmacht. Sein Tipp »Pogallo« ist genau das Richtige für uns. Der Wanderweg ist mit EU-Mitteln neu angelegt und verläuft von Cicogna zu den Almhütten von Pogallo. Mehr oder weniger auf gleicher Höhe, aber sehr steil und hoch über dem Rio Pogallo bewegen wir uns vorwärts. Man hört Wasserfälle. Manchmal blitzen Flussläufe in der Sonne auf. »Lass uns runtersteigen und baden«, bettelt Adrian. Aber kein Weg führt hinab.