Globalisierung und Wahrung kultureller Identitäten - ein Widerspruch?

Der frühere Berater des französischen Staatspräsidenten Francois Mitterand, Jacques Attali, entwarf zu Beginn des letzten Tages der Bucerius Summer ein widersprüchliches Gemälde der kulturellen Gegenwart der globalisierten Gesellschaft. Einerseits sei die kulturelle Uniformisierung der weltweiten Internet-Gesellschaft nicht zu übersehen. Die jederzeit und überall zugängliche Information im Netz führe zu einer Egalisierung kultureller Eigenheiten. Auf der anderen Seite, so konstatierte Attali, gehe die Globalisierungstendenz mit einer stärkeren Ausprägung regionaler und lokaler Identitäten einher. Bei aller scheinbaren Ausrichtung der globalisierten Welt auf die US-amerikanische Kultur machte der Franzose Attali doch eine zunehmende Bedeutung der europäischen Kultur in Kunst, Film und Musik aus. Abschließend brach Attali eine Lanze für Demokratie, für eine verschiedenen Kulturen gegenüber offene Gesellschaft und für die Gleichberechtigung von Kulturen in den Gesellschaften dieser Welt. Diese Konstanten seien Voraussetzungen für künstlerische Kreativität.

Friedrich Kittler, Germanist der Humboldt-Universität Berlin, konstatierte eine mit der Technisierung einhergehende Standardisierung und Neutralisierung von Kultur. Diese Entwicklung stünde im Gegensatz zu der eigentlich bestehenden Vielfalt von Sprachen und Kulturen, die unsere Gesellschaft ausmache. Es habe sich, so Kittler eine digitalisierte Welt über die reale Welt gestülpt. Die Grenzen zwischen diesen beiden Welten verwischten zusehends. Zugleich entwickele sich aber eine eigene durchaus differenzierte Kunst und Kultur in der virtuellen Realität.

Die Soziologin Shalini Randeria vom Wissenschaftszentrum Berlin beschäftigte sich ähnlich wie Attali mit der Frage, wie sich kulturelle Vielfalt innerhalb von Nationalstaaten entwickelt hat und erhalten lässt. Randeria allerdings arbeitete heraus, wie, exemplarisch für Schwellenländer, in ihrem Heimatland Indien die kulturelle Identität durch eigene Kultur und äußere Einflüsse bestimmt worden ist. Die kulturelle Identität eines Landes sei, wie Randeria darlegte, eine Frucht sehr unterschiedlicher historischer Erfahrungen und Einflüsse, die zu einer komplexen Realität geführt hätte. Das Einwirken von nationalen und supranationalen Organisationen und Initiativen in Schwellenländern verliefe von daher oft widersprüchlich. Neue global agierende Akteure, wie Nicht-Regierungsorganisationen sowie Akteure der Zivilgesellschaft vertreten Interessen, die sich oft widersprächen. Es gebe mehrere "richtige" Antworten auf die Herausforderungen der Gegenwart in Entwicklungs- und Schwellenländern, so Randeria. Randerias Ablehnung von standardisierten Entwicklungsindikatoren internationaler Organisationen, die Randeria zufolge der komplexen Realität in den Schwellenländern oft nicht gerecht würden, stieß eine kontroverse Diskussion unter den Teilnehmern der Summer School an.

Das Tages-Programm:

9.10-9.50 Uhr:

Prof. Dr. Jacques Attali,
Founder and former President of the European Bank for Reconstruction and Development, London, Founder and President of PlaNet Finance,
former special advisor to Francois Mitterand