Die USA - Gestalter der Globalisierung oder egozentrische Supermacht?

Die Rolle der USA in der Globalisierung und die Beziehungen zwischen Europa und den USA standen im Mittelpunkt der Diskussion am neunten Tag der Bucerius Summer School.

Der deutsche Botschafter in den USA, Wolfgang Ischinger, forderte die USA auf, Führung im Dienst der Weltgemeinschaft zu übernehmen. Ischinger erinnerte an die Rolle, die die USA in Europa in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gespielt haben. Damals hätten die USA ihr internationales Gewicht in den Dienst einer Weltordnung gestellt, die die Stabilität der Nachkriegsordnung gesichert habe. In diesem Sinne sollten die USA auch in der aktuellen Konjunktur die Führungsrolle bei den notwendigen multilateralen Prozessen und Abstimmungen zur Lösung globaler Fragen übernehmen. Zu diesen multilateralen Prozessen gehörten die Unterstützung der Arbeit der UNO ebenso wie die Stärkung des IMF und anderer internationaler Organisationen. Ein solches Engagement von den USA sei jetzt eher gefordert als die zur Zeit zu beobachtende Ausrichtung der US-amerikanischen Außenpolitik nach eigenen, nationalen Interessen, so Ischinger.

Ähnlich kritisch merkte Theo Sommer, Editor-at-Large der Wochenzeitung DIE ZEIT, an, dass die USA einen isolationistischen Kurs in ihrer Außenpolitik eingeschlagen hätten. Sollte dieser Kurs beibehalten werden, stünden die USA eines Tages als Führer ohne Geführte da. Sommer: "Wir brauchen eine seriöse Debatte über die Zukunft der transatlantischen Beziehungen." Sommer forderte weiterhin eine modernisierte NATO sowie eine freie Handelszone zwischen den USA und Europa sowie ein starkes Engagement der USA bei den Fragestellungen, die auf der globalen Agenda stünden.

Der ehemalige Botschafter der USA in Deutschland, John Kornblum, hielt dagegen, dass die USA stets stärker an Ergebnissen orientiert gewesen seien,

Europa hingegen stets mehr an Abstimmungs- und Entscheidungsprozessen mit mehreren Akteuren. Die USA stünden multilateralen Abkommen und Abstimmungen grundsätzlich skeptisch gegenüber. Die USA hätten in ihrer Geschichte und besonders im 21. Jahrhundert immer gezeigt, dass sie sich um die Probleme kümmern, die gelöst werden müssten und erfolgreiche Lösungen vorgelegt. Die USA suchten zunächst nach der Bewältigung nationaler Herausforderungen und erst sekundär nach internationalen Lösungen. Die gegenwärtigen angeblich isolationistischen Tendenzen in der US-amerikanischen Außenpolitik müssten in diesem Kontext gesehen werden und dürften nicht als einseitiges Hegemonialstreben interpretiert werden. Es scheine ihm, so Kornblum, dass Europa zur Zeit an Selbstvertrauen und damit an Vertrauen in der Welt verliere und zugleich abhängiger von den USA werde.
Josef Joffe, Herausgeber der ZEIT, vertrat die Auffassung, dass die Welt nicht bipolar, wie in der Zeit des Kalten Krieges, sondern unipolar, nämlich durch die verbliebene Supermacht USA, dominiert sei. Solange Europa den USA nichts entgegen zu setzen habe, würden diese auch weiterhin dominieren und zwar auf allen Ebenen: politisch, ökonomisch und kulturell. Auch Joffe plädierte für eine Stärkung und eine Geschlossenheit Europas, um auf der Grundlage dieser Balance die Fragen angehen zu können, die zur Zeit auf der internationalen Agenda stünden.

In der die Beiträge flankierenden lebhaften Diskussion wiesen mehrere Teilnehmer der Summer School darauf hin, dass die Idee der balance of power nicht mehr dafür geeignet sei, die Probleme der globalen Welt zu lösen. Globale Herausforderung wie Klimawandel, Gesundheitspolitik, internationale Verbrechensbekämpfung, Menschenrechtspolitik erforderten intensive multilaterale Zusammenarbeit. Es sei, so die Teilnehmer übereinstimmend, im Moment nicht zu erkennen, dass die USA an den globalen Themen mitzuarbeiten bereit seien.