Als Repräsentant des liberalen Judentums erwarb sich der Rabbiner Leo Baeck in der Weimarer Republik die Achtung auch orthodoxer Glaubensrichtungen. Eifer und Parteilichkeit waren dem auf Ausgleich Bedachten fremd. 1933 wählte die Reichsvertretung der Deutschen Juden ihn zu ihrem Präsidenten, seit 1939 Reichsvereinigung der Juden in Deutschland.

Baeck stand ihr weiterhin vor. Nach seiner Deportation hielt er in Theresienstadt Vorträge und Predigten, begleitete Sterbende, bestattete Tote.

Der NS-Propagandafilm von 1944, der es unter dem Titel Der Führer schenkt den Juden eine Stadt zu trauriger Berühmtheit brachte, zeigt Leo Baeck bei einer Sitzung des "Ältestenrats".

Leo Baeck wird nach 1945 zum Repräsentanten der überlebenden Juden aus Deutschland. Er reist - eine einzigartige Geste - ins Nachkriegsdeutschland.

Theodor Heuss nannte ihn "den großen Juden". Baeck umgibt die Aura des Entrückten, Repräsentativen, die Aura von Größe und Tragik. Es ist das Verdienst einer Ausstellung, die das Jüdische Museum in diesen Monaten in Frankfurt am Main zeigt, dass sie den 1956 in London verstorbenen Leo Baeck in seinem historischen Zusammenhang, also auch in seinen Widersprüchen zeigt.

Und ein Widerspruch ist mit einem Fundstück verknüpft, den Aktenstücken K.

Baeck hatte wiederholt berichtet, er habe eine umfangreiche Arbeit über Die Entwicklung der Rechtsstellung der Juden in Europa, vornehmlich in Deutschland im Auftrag der nationalkonservativen Opposition um Carl Goerdeler verfasst. Sie sei Ende 1941 einem Vertreter dieses Widerstandskreises übergeben worden. Hermann Simon indessen, heute Leiter des Centrum Judaicum in Berlin, entdeckte Anfang der achtziger Jahre auf dem Dachboden des damaligen jüdischen Gemeindehauses von Ost-Berlin einen Schnellhefter, der belegt, dass die Schrift auf Befehl des Reichssicherheitshauptamtes, also der Gestapo, verfasst wurde. Am 12. März 1942 "ersucht" Sturmbannführer Friedrich Suhr "um Vorlage der Arbeit in drei Monaten". Der Beamte führt aus, "dass anhand der Quellen Tatsachen und Zusammenhänge festgestellt werden sollen, die über die Entwicklung der Rechtsstellung der Juden, besonders in Deutschland, aber auch in den übrigen europäischen Ländern, sowie über ihre Stellung im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben Aufschluss geben".