Dauert das länger?" Burger schaute den Staatsanwalt fragend an. Zum Mittagessen würde er ja wohl wieder zurück in der Firma sein. Doch der Staatsanwalt, der am Morgen des 9. April in der Tür stand, den Haftbefehl gegen Bernd M. Burger in der Hand und einen Beamtentross im Gefolge, hatte ganz andere Pläne. "Wir fahren jetzt erst mal zu Ihnen nach Hause, Herr Burger, und dann packen Sie Sachen für drei Tage ein." Und Burger packte: drei Unterhosen, drei Unterhemden, drei Paar Socken, Kulturtasche. Dann fuhren sie nach Moabit. Ins Gefängnis. Bernd M. Burger, 46, einst gefeierter Ost-Unternehmerstar, den sie schon "Bill Gates von Brandenburg" genannt hatten, sollte den trutzigen Gefängnisbau in den kommenden vier Wochen nicht verlassen.

Drei Jahre zuvor hatte Burger sich noch im Erfolg gesonnt. Sein Unternehmen, die Satelliten- und Kommunikationsfirma Deutsche PhoneSat AG aus dem brandenburgischen Dahlwitz-Hoppegarten, galt als eine der wenigen High-Tech-Hoffnungen im deutschen Osten. Burger wurde hofiert von der internationalen Wirtschaftspresse, von Wall Street Journal und Economist, Financial Times und FAZ. Er wollte die PhoneSat als erste ostdeutsche Firma dorthin führen, wo das Herz des Kapitalismus schlägt - an den amerikanischen Aktienmarkt. Der Gang an die Technologiebörse Nasdaq schien nur noch eine Frage von Wochen. "Ich biete dem Aktionär, dabeizusein, wenn wir wiederholen, was Apple und Microsoft vorgemacht haben", verkündete der Firmenchef damals.

Das klang großspurig - und sollte es auch. Und nun? Das Unternehmen am Ende, die High-Tech-Träume am Boden zerschellt, 120 Arbeitsplätze wohl unwiederbringlich verloren, der Hoffnungsträger vorübergehend in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft Burger Insolvenzverschleppung, Beitragsvorenthaltung gegenüber den Krankenkassen in 319 Fällen und Subventionsbetrug vor. Es türmt sich ein Schuldenberg von mindestens 25, vielleicht auch 50 Millionen Mark. Wie viel genau, weiß derzeit selbst Ulrich Weber, der Insolvenzverwalter, nicht. Aber eines weiß er: "Die Lage ist katastrophal. Es ist keine Liquidität vorhanden. Es ist nichts mehr da."

Es war eine illustre Truppe, die sich da im Sommer 1998 für den Gang an die Nasdaq rüstete. Burger hat einmal gescherzt, seine Leute und er könnten mit Umhängeplakaten durch die Gegend laufen, auf denen steht: "Wir sind DDR-Altlasten." In Burgers Bataillon der Abgewickelten fanden sich Elitekader aus dem DDR-Verteidigungsapparat, Fliegergeneräle und die Spezialisten für die luftkosmische Verteidigung, das Ostblock-SDI. Fast die gesamte Luftbildauswertung der DDR-Streitkräfte war an Bord. Oswald Schneidratus, 1989 zweiter Mann der DDR bei den Wiener Abrüstungsverhandlungen, pflegte die alten Kontakte nach Osteuropa. Burger selbst hatte sich bei der Hauptverwaltung des DDR-Ministerrats mit dem "Einsatz von wirtschaftlichen Optimierungsmodellen in wehrtechnischen Bereichen" beschäftigt und stand zu Wendezeiten kurz vor der Beförderung zum Staatssekretär.

Mit dem Untergang der DDR waren ihre Vorzeigelaufbahnen beendet. "Verdient euer Geld als Anstreicher oder Versicherungsvertreter, hat man uns gesagt", erinnert sich Burger an jene Zeit der Karrierebrüche und Demütigungen.Doch sie waren noch jung, Mitte 30, Anfang 40 die meisten, zu hungrig nach Erfolg und zu qualifiziert, mit Zeitschriften hausieren zu gehen.

Das Geld kam aus Amerika

Nach und nach fanden sie sich. Einige hatten früher zusammen an Geheimprojekten gearbeitet, andere waren als Existenzgründer gescheitert und verbrachten nun viel Zeit in ihren Vorgärten. Gemeinsam wollten sie künftig Hochtechnologien bündeln, die zusammengehören: Satellitenkommunikation, Flugsicherung und Fernerkundung, also die Erfassung geografischer Daten aus der Luft. "Wir hatten", sagte Oswald Schneidratus einmal, und er wählte die Worte sorgfältig, "fast unbegrenzten Zugriff auf die gesamte kaltgestellte Elite der DDR."