Als der Geist der Börse über uns kam, bekam der Konsum endlich kindliche Unschuld. Man konsumierte nicht mehr nur die Dinge, sondern man erwarb Anteile an Firmen, die die Dinge herstellten. Und die Dinge lächelten uns dankbar zu. Die Alt-68er fanden, was Adorno ihnen verboten hatte, Versöhnung.

Die Neu-78er entdeckten einen Weg aus ihrem planlosen Weicheitum. Die 89er trösteten sich mit der Börse cool über die Zerstörung von Rente und sozialer Sicherheit hinweg.

Ich aber kenne die Gefallenen der Börse. Sie lungern dort herum, wo sich ihre ehemaligen Clubs und Restaurants befinden, in die man sie nicht mehr hineinlässt, weil sie die Zeche prellen. Dort wimmelt es jetzt von schnorrenden Start-upers und heruntergekommen Online-Brokern, die sich damit durchschlagen, Straßenzeitungen zu verkaufen. Anders als ihre klassischen Vorbilder heißen die aber nicht Ratz oder Motz oder Stink, sondern Her-damit oder Lass-klimpern.

Gestern hatte ich in Berlin-Mitte, der Bronx der gestürzten Neuökonomisten jeden Alters, einen platten Reifen und musste mein Rad deprimiert und ängstlich in die U-Bahn hinunterschleppen. Überall saßen sie dort und zählten ihr Münzgeld durch. Auf der einen Hand hielten sie ihr Kleingeld, und mit der rechten Hand durchsuchten sie die Münzen, hoben sie hoch, drehten die Mark mindestens zweimal um. So weit ist es also schon, dachte ich. Es war schockierend. Nach wenigen Augenblicken wurde ich aufgefordert, eine Zeitung zu kaufen.

Kostet 1 Mark und 27 Pfennig. - Das ist ein ungewöhnlicher Preis, sagte ich. Tja, sagte der gefallene Broker. Kann aber nich rausgeben. Um ihn loszuwerden, versuchte ich, es ihm recht zu machen. Es gelang. Ich gab ihm zwei 50-, ein 10-, drei 5- und zwei 1-Pfennigstücke. Suppa!, sagte er gierig, gab mir die sehr dünne Zeitung und begann auf der Stelle, mein Kleingeld durchzuzählen. Stimmt's nicht?, fragte ich. Er aber antwortete nicht und ging verstohlen weiter. Andere starrten ihn neidisch an. Es war unheimlich. Viele suchten den dreckigen Boden ab, ob irgendwo Münzen lägen.

Um mich abzulenken, begann ich die Straßenzeitung Rausgeld zu lesen.

Nicht nur auf die Mark kommt es dabei an, schrieb der Chefredakteuer Atze v. M. in seinem Editorial, auch Pfennigstücke können ziemlich viel wert sein. Für ein 2-Pfennig-Stück kann man sogar schon bis zu 2000 Euro einheimsen. Jede Münze trägt eine Jahreszahl und eine Prägeanstalt, aus der sie stammt. Und darauf kommt's an!