Ganze Waschkörbe an Leserbriefen erreichen derzeit die Redaktion mit der flehentlichen Bitte, wir möchten unsere wunderbare Kulturberichterstattung für einen Augenblick unterbrechen und uns der neuen deutschen Schicksalsfrage stellen. "Grau ist alle Theorie! Was hilft Ihre schöne Hochkultur, wenn man nicht zu ihr hinkommt?", schreiben freizügig erregte Leser. Mitten ins Herz traf uns diesbezüglich der Brief des Pathologen Dr. Egidius Moribund aus 53501 Nierendorf. Der geschätzte Leser bittet die "sehr geehrte Redaktion", die deutsche Frage nicht länger offen zu halten und alte Weichen neu zu stellen. "Liebe Kulturschaffende! Blicken Sie dem Zug der Zeit ins Auge!

Beantworten Sie endlich die deutsche Gretchenfrage! Wer, wenn nicht Sie?"

Nach so viel Blumen wollen wir uns dem Drängen unserer Leser nicht länger verschließen. Stellen wir uns also die "Gretchenfrage": Wie hältst du es mit der Bahnpreisreform? Natürlich konnte es so nicht weitergehen. Mit den Platzwunden wimmernder Passagiere im überfüllten ICE. Mit dem Schluchzen alleinerziehender Mütter an den Brüsten überforderter Schaffner. Mit den Menschentrauben vor durchnässten Toiletten. Mit den Tränen der Zugbegleiterin in den Tälern vor Fulda. All das hat die Menschen auf Schienen sehr viel Kraft und Lebensfreude gekostet, von den verzweifelten Brüdern und Schwestern an den Fahrkartenschaltern ganz zu schweigen.

Strikt zurückweisen müssen wir aber die Meinung vieler Leser, die Bahnpreisreform sei ein Dschungel und nicht einmal für Absolventen der Mitropa-Elitehochschule zu verstehen. Das ist falsch! Betrachten wir eine ganz normale Standardsituation. Sie fahren an einem beliebigen Wochenende mit Ihren halbwüchsigen Kindern, dem volljährigen Hund und Ihrer neuesten Freundin ohne Gepäck von Sulzbach an der Donau nach Gelnhausen/Linsengericht, um dort mit dem sogar stündlich verkehrenden Bahnbus die Fahrt zur ehemaligen Schwiegermutter fortzusetzen. Kommt es zum Erwerb der dafür benötigten Fahrscheine, können Sie den Frühbuchertarif in Anspruch nehmen, der allerdings eine Zugbindung beeinhaltet und sieben Tage vor Sonnenaufgang des in Augenschein genommenen Abfahrtages zu buchen ist, wobei ein normaler Sonntag zwingend dazwischengequetscht sein muss. Der Umtausch der Fahrkarten ist auch in den neuen Bundesländern bis zum ersten Tag kostenfrei, danach unwirksam. Eheliche wie uneheliche Kinder fahren mit der Bahncard (Bearbeitungsgebühr) weitgehend kostenlos, während ein deutscher Normhund auf 55 Prozent ermäßigt wird und Ihrer Partnerin ohne Altersbegrenzung im Fall der tatsächlich stattfindenden Rückfahrt noch einmal die Hälfte des ortsüblichen Rabatts angelastet wird.

Die übersichtliche Staffelung ist eingebettet in ein degressives Kilometerpreissystem, das den Bahnkilometer billiger macht, je mehr Sie freiwillig davon zurücklegen. Während Sie freitags auf der Strecke Bad Sassendorf-Niedereimer jenen Höchstpreis zahlen, der Sie mittwochs doppelt so weit von Bad Salzuflen nach Brilon-Wald bringen würde, sinken die Fahrpreise auf der Strecke Eckernförde-Rosenheim (Bayern) gegen null, um dann rein rechnerisch als Bargeld wieder ausgezahlt zu werden (Euro).

Richtig ist, dass das spontane Besteigen von abfahrbereiten Zügen künftig nahezu ausgeschlossen sein wird. Auch Flugzeuge können schließlich nicht ohne Vorwarnung in Benutzung genommen werden. Bei so genannten Spontanpreisen gilt für "anspruchsvolle Kunden" der Höchstsatz, dafür ohne garantierten Sitzplatz beziehungsweise dazugehörigen Zug. So bleiben Waggons länger leer und werden langsamer voll. Dies gilt vor allem für den Interregio, der ständig voll leer bleibt, weil er gar nicht mehr eingesetzt wird und einfach irgendwo herumsteht, wie die Menschen, die mit ihm fahren wollen, nur an anderer Stelle. Finis