Für Leser, die an der Karibik interessiert sind, ist das vorliegende Buch eine Fundgrube, vergleichbar Standardwerken wie Alexander von Humboldts Monografie über Kuba oder der Description de l'Ile de Saint Domingue von Moreau de Saint-Méry. Mit beiden Forschungsreisenden hat Christian Georg Andreas Oldendorp die enzyklopädische Breite und Tiefe seines Wissenshorizonts gemein, gepaart mit gründlicher Belesenheit und einem stupenden Fleiß, der uns im Zeitalter fortgeschrittener Spezialisierung schier unglaublich erscheint. Oldendorp bereiste von Mai 1767 bis Oktober 1768 die dänischen Jungferninseln östlich von Puerto Rico, die heute zu den USA gehören. In seiner Darstellung lässt er buchstäblich nichts aus, von der Geologie und Botanik bis zu Kultur, Sprache, Geschichte und Politik, und nimmt so, ein Menschenalter vor Humboldt und Saint-Méry, deren Totalitätsanspruch vorweg.

Die Herrnhuter Brüdergemeinde hatte Oldendorp als Missionar mit dem Auftrag entsandt, die Missionsgeschichte der Jungferninseln zu schreiben. Die ehrgeizige Dimension des Projekts wird klar, wenn man weiß, dass Oldendorp nur 17 Monate in der Karibik weilte, hinterher aber fast zehn Jahre lang an der Auswertung des gesammelten Materials arbeitete, dessen Herausgabe wiederum Generationen von Editoren beschäftigt hat. Das in der Schriftenreihe des Dresdener Museums für Völkerkunde erschienene Buch umfasst, mit Zeichnungen und Aquarellen des Autors illustriert, 800 Seiten

ein zweiter, der Missionsarbeit gewidmeter Band ist in Vorbereitung.

Was Christian Oldendorp von Zeitgenossen wie Georg Forster und Nachfolgern wie Saint-Méry oder Humboldt unterschied, war sein Pietismus. Während Moreau de Saint-Méry am Vorabend der Revolution das Kolonialsystem ideologisch zu rechtfertigen versuchte, war Alexander von Humboldt ein geschworener Feind des Sklavenhandels und unterstützte den von Simón Boløvar geführten Freiheitskampf der spanischen Kolonien Lateinamerikas. Oldendorp steht zwischen dem französischen Aufklärer und dem an Goethes Humanitätsideal geschulten Naturforscher. Er verdammt den Sklavenhandel nicht aus moralisch-politischen, sondern aus religiösen Gründen, ohne an diesem durch die Sündhaftigkeit der Menschen verursachten Zustand etwas ändern zu wollen oder zu können. Der Kolonialismus war zwar verwerflich, aber aus ökonomischer Vernunft unvermeidlich. Eine Alternative schien im zweiten Drittel des 18.

Jahrhunderts nicht in Sicht.

Der dem Staat geschuldete christliche Gehorsam galt auch für Kolonialgebiete, deren Obrigkeit die von den Herrnhutern nicht bloß gepredigten, sondern auch vorgelebten Ideale der Nächstenliebe, Keuschheit und Demut mit Füßen trat.

Hinter Oldendorps Bemühen, die Widersprüche der Wirklichkeit mit seinem Glauben zu versöhnen, stand die schon von Voltaire verspottete Annahme, dass diese trotz aller Missstände die beste aller möglichen Welten sei und dass Gott das Böse geschaffen habe, um dem Guten zum Durchbruch zu verhelfen.