Auf einem Umschlagentwurf für sein autobiografisches Buch Letters to a Young Contrarian, das voraussichtlich Anfang November erscheinen wird, macht der britische Journalist und Autor Christopher Hitchens eine hinreißend gute Figur. Er hat die Lippen gespitzt, als trällerte er ein Lied von Schuld und Sühne, und zwischen den Fingern klemmt statt des Bleistifts eine nur geringfügig schadstoffärmere Rothman's Blue, die für einen Journalisten seines Kalibers vermutlich unentbehrlich ist. Er sieht aus wie Bogeys böser Bruder, doch in den tiefen Falten seines imposanten Trenchcoats versteckt er wie Schlemihl, jener dubiose Geheimniskrämer aus der Sesamstraße, lediglich eine Tüte heißer Luft, die er aller Welt gern andrehen würde.

In seiner letzten Tüte befand sich gar Abscheuliches über den früheren US-Außenminister Henry Kissinger, einen der beliebtesten Gäste der weltumspannenden High Society: Sollte der tatsächlich ein Kriegsverbrecher und perverser Anstifter zu Mord und Folter sein, wie es Hitchens in seinem nun auch auf Deutsch erschienenen Buch Die Akte Kissinger behauptet? Hat Kissinger im Oktober 1970 wirklich die Ermordung eines verfassungstreuen chilenischen Generals angeordnet, um einem etwaigen Militärputsch gegen Präsident Allende den Weg zu ebnen? Hat er?

Mit brisanten Fragen wie diesen und ihren wenig überzeugenden Antworten wurde der seit 1981 in Washington lebende britische Journalist und Buchautor berühmt und berüchtigt. Hitchens ist ein glänzender Provokateur, er schreibt wie die Axt im Walde. Er ist bestbezahlter Polemiker zahlreicher renommierter Blätter, darunter Harper's, New Left Review, The Times Literary Supplement und die London Review of Books. Sein Wirkungskreis umschließt Gegensätzliches wie das Hochglanzmagazin Vanity Fair, für das er regelmäßig Kolumnen verfasst, und The Nation. Er erfand die Wendung "Mrs. Thatcher stinkt nach Sex", was sogar noch griffiger klingt als Kissingers Bonmot vom "Aphrodisiakum der Macht", an das Hitchens als Prosaiker auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten jedoch zweifellos auch gern glaubt. In seinem profanen Schocker The Missionary Position schrieb er als einer der Ersten bodenlos schlecht und verwerflich über die "heilige Kuh" Mutter Teresa.

Zu seinen Brüdern im Geiste zählen Noam Chomsky und Saul Bellow ebenso wie Bert Brecht und George Orwell, dessen 100. Geburtstag im Jahr 2003 Anlass für "eine Verteidigungsschrift" liefert, Hitchens' nächstes Buch. Unter den Feinden, die er liebt, sind auch Lady Di und Bill Clinton, Hitchens' "Nixon der Liberalen". Im vergangenen Jahr nahm er ihn auf den kaum mehr als 100 Seiten seiner Schmähschrift No One Left to Lie To vor die Flinte. Gore Vidal, die namentlich blutigste Feder Amerikas, bezeichnete Hitchens etwas rätselhaft als seinen "Nachfolger, Erben, Dauphin oder delphino", für seine Freunde ist er einfach "The Hitch". Zu Deutsch: Haken, Schwierigkeit.

"Ich weiß, dass man sich mit solchen Anprangerungen leicht einen Namen machen kann", sagt Hitchens, "aber derartige Reputationen sind ebenso kurzlebig wie der Ruhm der celebrities." Im kalifornischen Urlaubsdomizil erwartet der ansonsten eher hitzköpfige Provokateur derzeit laut Observer offenbar recht gelassen und amüsiert "die Veröffentlichung von Kissingers Gefängnistagebüchern". Doch der langlebige Staatsmann befindet sich nach wie vor auf freiem Fuß - nicht zuletzt dank der internationalen Presse, die Die Akte Kissinger bereits bei Erscheinen der englischen Ausgabe im Mai nahezu einhellig verriss und Hitchens' Anklage aufgrund von Mangel an Beweisen in Zweifel zog oder zurückwies.

"Bis zum Kissinger-Buch habe ich hauptsächlich die Ikonen der Liberalen angegriffen", rühmt sich Hitchens. "Die Liberalen sind sich darin einig, dass christlicher Fundamentalismus ,etwas Schlechtes' ist, aber sie gaben sich bereitwillig der Illusion hin, Mutter Teresa sei eine Freundin der Armen.

Liberale glauben nicht an die Monarchie und fielen dennoch auf die ,Prinzessin des Volkes' herein. Liberale sind gegen korrupte Politiker und lagen Bill Clinton dennoch zu Füßen." Hitchens, dessen Bruder Peter zu Hause in England - so will es die Ironie eines gleichsam liberalen Schicksals - ausgerechnet für das rechte Boulevardblatt The Daily Mail den Union Jack schwingt, ist getrieben von einem wahrhaft aufklärerischen Geist.