Auf der Titelseite der ZEIT (!) ein so lebensferner Beitrag! Das ist deprimierend.

Aus meinem Alltag als berufstätige Mutter zum Beispiel ist mir nichts bekannt, was sich auch nur im Entferntesten als erfreuliche Entwicklung im Hinblick auf die Kinderbetreuung bezeichnen ließe. Die Schaffung des Rechtsanspruches auf einen Kindergartenplatz hat nichts geändert: Melde ich meine Kinder heute in einem staatlichen, kirchlichen oder staatlich geförderten privaten Kindergarten an, muss ich Wartezeiten von bis zu einem Jahr in Kauf nehmen. Selbstverständlich bleibt die Möglichkeit, nicht geförderte Plätze in privaten Einrichtungen in Anspruch zu nehmen. Mit Kosten von rund 650 Mark pro Kind für eine Betreuung von vier Stunden pro Tag. Aus versteuertem Einkommen. Lohnsteuerklasse 5, versteht sich.

Freiheit bedeutet Verantwortung. Und Glück ist etwas, das in persönlichen Entscheidungen und eigenem Einsatz geschaffen werden muss. Aber ich kann nicht hinnehmen, dass den Frauen in so oberflächlicher und anmaßender Form verkauft wird, nun läge es nur noch an ihnen. Dass so getan wird, als müssten sie keinen Verzicht üben, als müssten sie nicht um die Mitwirkung ihrer Männer kämpfen, als wäre nicht jede einzelne ihrer "erfreulichen Entwicklungen" in Wirklichkeit ein Kampf mit Einrichtungen, Beschränkungen und Vorurteilen, den sie fast immer und fast überall allein ausfechten müssen. Und oft genug verlieren.

Julia Meuser, per E-Mail

Es scheint ein neuer Trend moderner, selbstbewusster Frauen zu sein, sich vom "ewigen Gejammer" der - nur noch vage auszumachenden - Frauenbewegung abzusetzen, vor allem dann, wenn sie sich selbst einen Platz in vermeintlichen "Männerdomänen" erarbeitet haben. Seht her, Geschlechtsgenossinnen, wer will, der kann doch auch! Was bei aller "Euphorie" über selbstbestimmte Schwangerschaften, das Recht auf Erwerbsarbeit oder über Erziehungsaufgaben übernehmende Männer (nach dem Motto "Natürlich helfe ich meiner Frau ...") vergessen wird, sind die vielen strukturellen Benachteiligungen von Frauen. Dabei geht es gar nicht nur darum, dass Frauen für gleichwertige Arbeit weniger Lohn bekommen als ihre Kollegen, nicht nur um ein Steuerrecht, welches das "Hauptverdiener-Zuverdiener"-Prinzip privilegiert und damit bestehende Rollenmuster festigt. Es geht vor allem um die stetig präsenten männlichen Strukturen und Denkmuster, die die Wahlfreiheit eben doch erheblich einschränken.

Noch immer wird den Männern Durchsetzungsvermögen und Führungsstärke zugesprochen, während Frauen eher emotionaler eingeschätzt werden - damit werden sie wertvoll für den Teamgeist im Unternehmen, weniger gut geeignet jedoch für die "harten" Spitzenpositionen. Ihre "Kreativität" will man nutzen - umsetzen sollen ihre Ideen die "tatkräftigen" Männer. Erfahrungen in Berufungskommissionen an Universitäten zeigen, dass Frauen erst einmal beweisen müssen, was bei Männern per se nicht angezweifelt wird: ihre generelle Kompetenz als strukturiert und rational denkende Wissenschaftlerinnen.

Jens Saadhoff, Siegen