Wie rasch doch agrarische Desaster aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden. Vor ein paar Monaten noch rasten nach jedem neuen BSE-Fall Wellen der Panik durch deutsche Lande. Die Medien ergingen sich in reißerisch-dräuendem Overkill

Politiker, Wissenschaftler und Kommentatoren behaupteten unisono, wir alle seien in Gefahr. Auf die äußerst dürftige Beweislage hinzuweisen galt beinah als Frevel. Nun wird wieder nach Herzenslust Fleisch und Wurst gefuttert. Kaum jemand nimmt Notiz von der langsam, aber stetig steigenden Zahl von deutschen BSE-Rindern

zu Beginn dieser Woche kletterte sie auf 98.

Auch über die Maul- und Klauenseuche (MKS) spricht kaum einer mehr, nachdem im Frühjahr die Fernsehbilder von Scheiterhaufen, auf denen Hunderttausende von Schafen und Rindern verbrannten, nicht nur dem britischen Publikum Schauder des Entsetzens über den Rücken gejagt hatten. Dabei geht in Großbritannien das staatlich verordnete Gemetzel unablässig weiter. Der Blutzoll beläuft sich inzwischen auf über sechs Millionen Tiere.

So angenehm es für die Regierenden ist, dass mediale und öffentliche Hysterie abgeflaut sind - sie sollten sich nicht in Sicherheit wiegen. Das rasche Wechselspiel von Aufregung und Gleichgültigkeit kennzeichnet moderne High-Tech-Gesellschaften, die sich aufgeklärt und informiert dünken.

Panikwellen können ebenso rasch wieder aufbranden, wie sie verebben. Umso wichtiger, dass die Politik die Ruhe zwischen den Stürmen nutzt: für Kurskorrekturen hastiger, oft unsinniger Beschlüsse (ein Beispiel war die Massentötung aller Herden mit einem BSE-Fall), vor allem aber für kühle Analyse und kritische Bestandsaufnahme. Großbritannien, Mutterland des Rinderwahns und nach wie vor im Griff des MKS-Virus, bietet gleich in mehrfacher Hinsicht eindringlichen Anschauungsunterricht.

Stets aufs Neue erweist sich auf der Insel, wie wenig sich die Politiker auf ihre Experten verlassen können. Es sei nur daran erinnert, wie viele weiße Flecken die Landkarte der BSE-Forschung nach 14 Jahren noch aufweist. Weder kennt man die Ursache des Rinderwahns, noch steht fest, ob das Tiermehl tatsächlich die Infektion überträgt. Selbst hinter die These, dass der Verzehr von infiziertem Rindfleisch zu der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit führt, gehört ein dickes Fragezeichen. Auf der Insel wurden 2001 bislang noch 370 BSE-Rinder diagnostiziert - peinlich, weil durch die offiziell verkündeten Thesen nicht recht zu erklären. Zum Glück für die Expertokratie wird dies kaum thematisiert. Sonst käme man nicht umhin, den agrarisch-industriellen Komplex samt seinem wissenschaftlichen Arm kritisch auszuleuchten. Die symbiotische Verbindung zwischen Agrobusiness, Ministerialbürokratie und Forschung mag in Großbritannien besonders ausgeprägt sein