Seit zehn Minuten sitzt Caroline Samuel über dem Binokular und rührt sich nicht. Fast nicht. Vorsichtig dreht sie etwas an den Stellschrauben von zwei Mikromanipulatoren. Die Präzisionsinstrumente ragen in eine Glasschale voll klarer Flüssigkeit unter der Optik. Schließlich richtet die irische Labortechnikerin sich auf und winkt: "Have a look." Erst in der Optik kann man sehen, was sich in der Flüssigkeit getan hat. Am Ende einer filigranen Hohlnadel aus Glas klebt ein hohles Kügelchen. In das Gebilde hat sie eine noch feinere Glaskapillare gestochen. In der Kapillare liegen aufgereiht zehn winzige Zellen. Noch eine behutsame Einstellung am Gerät, und langsam wandern die Zellen eine nach der anderen ins Innere der Hohlkugel. "Okay, that's it."

Caroline Samuel hat gerade eine Maus gemacht. Eine ganz besondere. Diese Maus entsteht nur aus embryonalen Stammzellen (ES-Zellen), aus seit langer Zeit in den Brutschränken der Zellbiologen kultivierten Embryozellen. Jede Einzelne der vielen Milliarden Mauszellen, jedes Gewebe wird aus diesen Stammzellen hervorgehen, die Samuel in die Hohlkugel gespritzt hat.

Solche Tiere, von den Forschern kurz ES-Mäuse getauft, gehören zum technisch Raffiniertesten, was die Bioforschung derzeit zu bieten hat. Und sie zeigen deutlich, welch wundersame Kräfte in embryonalen Stammzellen wirklich stecken - sie können nicht nur Wunden und Krankheiten heilen, sondern sogar ein vollständiges Lebewesen hervorbringen. Gesteuert von weithin unverstandenen genetischen Befehlen, vermehren sie sich, bilden komplexe Strukturen und formen Haut, Muskeln, Leber, Blut oder Hirn.

Kein Wunder, dass solche ES-Zellen Fantasie und Begehrlichkeit von Forschern beflügeln: Wenn sie nur einen Bruchteil dessen, was bereits im Mausexperiment gelingt, auch auf die Humanmedizin übertragen könnten, dann wäre dies eine Revolution. Darum möchten deutsche Wissenschaftler menschliche embryonale Stammzellen wenigstens importieren dürfen ihre amerikanischen Kollegen können solche ES-Zellen bald mit staatlicher Unterstützung erforschen (siehe Kasten nächste Seite). Doch wo viel Hoffnung ist, da herrscht auch viel Unsicherheit. Zwar sind Mensch und Maus warmblütige Säuger, deren Erbgut zu 85 Prozent übereinstimmt. Doch was heißt das schon, wenn wenige Prozent bereits den Unterschied zwischen Mensch und Affen ausmachen? Mice tell lies, Mäuse lügen, sagen Pharmaforscher aus leidvoller Erfahrung.

Genforscher wie Craig Venter sind dennoch davon überzeugt, dass "das Mausgenom entscheidend ist für das Verständnis des menschlichen Genoms".

Seine Firma Celera hat außer dem Genom des Menschen auch jenes der Maus sequenziert. An den Nagern lassen sich schrittweise jedes einzelne Gen und seine Aufgabe im Körper studieren. Hierzu schalten die Forscher jeweils ein Gen im Erbgut aus und beobachten, was dann mit der Maus geschieht. Knock-out heißt dieses Ausschalten einzelner Gene, die Tiere entsprechend K.-o.-Mäuse.

In der Pharmawelt wimmelt es von K.-o.-Mäusen. Denn oft steht ein defektes Gen für eine schwere Krankheit wie Diabetes oder Krebs. Grundlagenforscher wollen für jedes einzelne Gen die dazu passende K.-o.-Maus untersuchen. Und wenn ein interessantes menschliches Gen in der Maus nicht vorkommt, dann erhält sie eben ein solches zusätzlich verpasst. Knock-in heißt dieses Verfahren.