Europa schaut hin, ganz genau sogar: Jedwede Prognose, die dieser Tage über das (zu geringe) deutsche Wachstum oder das (zu große) Loch im Berliner Haushalt orakelt, wird in Brüssel registriert. Wohl und Wehe der größten Volkswirtschaft Europas entscheiden schließlich auch über Aufstieg oder Fall der gemeinsamen Währung - da zählt jede Stelle hinterm Komma. Der Euro zwingt zur Einmischung.

Schon im September, wenn Hans Eichel im belgischen Lüttich seine elf Kollegen im trauten Kreis der "Euro-Gruppe" trifft, werden die Deutschen offenbaren müssen: Wie viel Schulden wollen sie sich dieses Jahr leisten? Offiziell gelten noch immer jene 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts als Ziel, auf die sich die Bundesregierung vor knapp einem Jahr in ihrem Stabilitätsprogramm verpflichtete. Damals träumte Hans Eichel allerdings noch von über 2,5 Prozent Wachstum.

Längst wird inoffiziell korrigiert. Bereits im April unterstellte die EU-Kommission, das Bundesfinanzministerium als einst europaweiter Oberlehrer fiskalischer Disziplin à la Maastricht werde seine Neuverschuldung auf 1,7 Prozent treiben. Kurz darauf reklamierte Berlin sogar ein Recht auf mehr Kredite: 1,5 heiße - dank einer "Schwankungsbreite" - eigentlich 1,75 Prozent. Heimlich gilt nun die Marke von 1,8 als europäische Schmerzgrenze für das Loch im deutschen Budget. Das, so erklärte der für Wirtschaft und Währung zuständige EU-Kommissar Pedro Solbes jüngst dem Handelsblatt, sei gerade noch "vertretbar".

Wird's mehr, droht Krach. Schon im Dezember vorigen Jahres hatte die EU die Deutschen gewarnt, die erste Phase ihrer Steuerreform "mit größter Vorsicht umzusetzen", um nur ja "keine dauerhafte Verschlechterung des strukturellen Defizits" zu riskieren. Eben diese Sorge lässt die EU-Partner seither nicht los - weshalb der Spanier Pedro Solbes neuerdings Berlin in einem Atemzug nennt mit Rom, Paris und Lissabon: Im Falle eines Abschwungs dürfe diese Viererbande nicht zuschauen, wie sich ihre Defizite (mittels sinkender Steuereinnahmen und steigender Sozialausgaben) gleichsam von selbst ausweiteten. Die Wirkung dieser so genannten "automatischen Stabilisatoren" müsse im Namen des Euro notfalls per Rotstift korrigiert werden. Soll heißen: Gerhard Schröders Kassenwart müsste - trotz lahmer Konjunktur, trotz Bundestagswahl - auf die Bremse treten. Gedanken an Sonderprogramme zur Ankurbelung der Nachfrage sind eh tabu.

Wenigstens dürfte der Leumund vom "Eisernen Hans" verhindern, dass Deutschland gleich als erste Euro-Nation einen Sparbefehl aus Brüssel erhält.

Dieses zweifelhafte Privileg winkt Giulo Tremonti. Italiens Finanzminister brüskierte jüngst Kollegen wie Eurokraten, als er die römischen Haushaltsnöte zunächst im Ministerrat verschwieg - und zwei Tage später exklusiv im TV-Sender seines Premiers Silvio Berlusconi "bis zu 2,6 Prozent Defizit" einkalkulierte. Das wäre immerhin dreimal so viel wie jene 0,8 Prozent, die Italien bisher offiziell anpeilt.

Seither gärt Misstrauen. Rom, so der Verdacht mancher Diplomaten, habe seine Partner per Schocktherapie darauf vorbereiten wollen, dass Berlusconi mittels explodierender Neuverschuldung doch noch die im Wahlkampf versprochenen Steuersenkungen finanzieren will. Eine Rechnung ohne Europa: Sollte Tremonti nicht spätestens im September in Lüttich klar widerrufen, wäre er fortan der Paria der Euro-Gruppe. Und Sündenbock für jede Schwäche des Euro.