Zinnowitz

Es war eine sympathische Geste, dass der Bundeskanzler auf seiner Reise durch die neuen Länder auch einige Gäste aus den Nachbarstaaten zum Gespräch nach Zinnowitz einlud. Wir schlängelten uns in einem Kleinbus durch Brandenburg und Vorpommern am 40. Jahrestag des Mauerbaus. Und plauderten mit Gerhard Schröder. Über die Osterweiterung der EU. Über die Schwierigkeiten, eine Europa-Schule in Storkow zu gründen. Über eine mitteleuropäische Bildungsreform, die diese Region zu einem Schwungrad der Entwicklung von Estland bis Bulgarien machen könnte.

Wir sind nicht mehr nur unter uns, wir Vertreter der einstigen "Brudervölker": zwei Tschechen, ein Ungar, ein Pole, zwei - wie man das heute sagt - ostdeutsche Intellektuelle, der Schriftsteller Christoph Hein und der Filmregisseur Frank Beyer. Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom verleiht der Runde einen westlichen Touch.

Gerhard Schröder verrät, warum er uns eingeladen hat. Europa könne keineswegs nur ein wirtschaftliches Projekt sein - Euro, Arbeitsplätze, Investitionsstandorte. Etwas ganz anderes sei die Suche nach einer europäischen Seele und vielleicht auch nach gemeinsamen historischen Vorfahren. Einen hat der Bundeskanzler nach Zinnowitz mitgebracht, Otto von Bismarck. Sein Bild hängt - so wie ihn einst Anton von Werner gemalt hatte, halb zu-, halb abgewendet - an der Wand hinter dem Stuhl des Kanzlers und versteht wahrscheinlich die Welt nicht so recht. Ein deutscher Kanzler spricht an diesem Abend bei sächsischem Wein über die Zukunft Europas nicht mit den Mächtigen, sondern mit den Kleinen, und zwar über eine europäische Föderation. Er hört sich die Vorbehalte György Konrads und Jiri Musils gegen eine zu mächtige Europäische Union an. Er ist mit den Kleinen einverstanden, dass kein einzelner Staat Europa dominieren solle, aber auch eine Union der 27 effizient sein müsse. Diese Gedanken haben genauso wenig mit Bismarcks Weltbild gemein wie die Vereinigung Deutschlands 1989 mit der von 1871.

Und dennoch darf Bismarck hier nicht fehlen. Was ihn an dem Eisernen Kanzler frappiere, sagt Gerhard Schröder nach dem Gespräch, sei dessen Umsicht im Umgang mit Macht. Überdies fasziniere ihn das komplizierte Wechselspiel zwischen Politik und Wirtschaft, wie es Fritz Stern in seinem Buch über Bismarck und Bleichröder (Gold und Eisen) beschrieben hat. Noch ein zweites politisches Buch habe ihn in letzter Zeit stark beeindruckt. Er hat es von Polens Präsidenten Aleksander Kwaniewski geschenkt bekommen, es heißt: Im Herzen Europas von Norman Davies. Daraus habe er gelernt, wie eine Nation allein dank ihrer Kultur in schwieriger Zeit überlebe.

Und doch war man sich nicht einig an dem eckigen Tisch im Zinnowitzer Palast-Hotel. Was ist eigentlich die europäische Kultur? Verbindet sie uns, wie es Konrad meint? Oder spaltet sie uns, wie es Musil behauptet? Befreit uns die EU von nationalem Dünkel, oder beraubt sie uns unserer Identität? Und wie steht es um die EU-Osterweiterung, wenn die Stimmung in den neuen Bundesländern gegenüber den einstigen "Brudervölkern" nicht gerade besonders herzlich ist?

Neidisch Blumensträuße zählen