Auf den mexikanischen Bilderchroniken ist das Ereignis mehrfach festgehalten: Hernán Cortéz bei dem Aztekenherrscher Moctezuma. Der bärtige Spanier mit Pferd und Ritterrüstung, der indianische Fürst im Federschmuck.

Zwischen den Akteuren schwebt ein seltsam eingerollter Gegenstand in der Luft, eine menschliche Zunge. Sie soll den Vorgang des Sprechens und Verhandelns anzeigen. Auf den meisten Bildern gehört die Zunge einer indianischen Frau, die neben Cortéz steht. Diese Frau an der Seite des spanischen Eroberers war Malinche - seine Übersetzerin, Geliebte und Leibeigene in einem. Und weil aus diesem Verhältnis ein Sohn hervorging, steht Malinche am Anfang der Ahnenkette aller Mestizen.

Nicht einmal der Name gehörte ihr, erst recht nicht ihre Geschichte. Die Spuren Malinches sind "gefiltert durch den Blick der Männer", beklagt die australische Historikerin Anna Lanyon in ihrem Versuch, die Biografie dieser Urmutter Mexikos zu schreiben. Ursprünglich hieß sie wohl Malinalli oder auch Malintzin, in verstümmelter Version der Spanier dann Malinche. Nach ihrem Aufstieg wurde sie christianisiert als Doña Marina. Nur während ihrer Jahre mit Cortéz wird sie vom Blick der Überlieferung erfasst, während die Archive "weder über ihre Herkunft vor 1519 noch über ihr Schicksal nach 1526 stichhaltige Daten" hergeben, wie die Lateinamerikanistin Barbara Dröscher konstatiert.

Genau das aber lässt den Legenden umso größeren Raum. Anna Lanyon macht aus der Not eine Tugend, statt gesicherter Erkenntnisse gibt sie einen erzählenden Bericht ihrer Suche nach den Spuren Malinches im heutigen Mexiko.

Als Mädchen sei Malinche von ihrer eigenen Mutter regelrecht verkauft worden an Händler aus Yucatán. Vielleicht nur eine bequeme Rechtfertigung der Spanier, als sie Malinche auf ihre Seite zogen? Kein Gerücht ist zu unwahrscheinlich oder nebensächlich, als dass Lanyon ihm nicht nachginge, wenn nötig Hunderte von Kilometern weit über staubige Landstraßen. Malinche soll aus einem Dorf auf der Landenge von Tehuantepec stammen. Also findet Lanyon einen Erdhügel, unter dem die glanzvoll in die Heimat Zurückgekehrte angeblich begraben liegt. Was aber nicht viel mehr beweist, als dass die Biografin eine recht suggestive Fragetechnik eingesetzt haben muss.

Erfolgreicher verliefen Lanyons Forschungen nach Malinches Kindern. Außer dem gemeinsam mit Cortéz gezeugten Sohn Martøn hatte Malinche, die später mit einem getreuen Vasallen des Konquistadors verheiratet wurde, noch eine Tochter. Beider Lebensweg ist durch Gerichtsakten gut dokumentiert, weil sie als Mischlingskinder vor der spanischen Justiz ihre Legitimität erst erstreiten mussten. Aus Urkunden und Protokollen rekonstruiert Lanyon die Verhandlungen zwischen Mutterland und Kolonie - fast eine Detektivgeschichte.

Mit Malinche beginnt in Lateinamerika das Zeitalter der mestizaje, der Vermischung der Rassen. Ironie der Geschichte: Hatten die spanischen Haudegen nicht eben erst im Namen der "Reinheit des Blutes" die Mauren aus Andalusien vertrieben? Im zwanzigsten Jahrhundert wird die Rassenmischung sogar zur mexikanischen Staatsideologie - aber Malinche selbst zur verächtlichsten Frau Lateinamerikas. Durch ihren Verrat nämlich sei es Cortéz erst gelungen, jenes entscheidende Bündnis mit zwei feindlichen Nachbarstaaten des Aztekenreiches zu schmieden, das seinem militärischen Erfolg vorausging. Malinche galt als Hure der Macht, und hijos de puta, Hurensöhne, waren demnach alle Mexikaner.