Ihrem Bruder schrieb sie: Erinnerst Du Dich noch der Feier des heutigen Tages, wie bange wohl mir das Herz pochte, als ich den Thoren Berlins näher kam und alle die Freuden- und Ehrenbezeugungen empfing, die ich dazumal noch nicht verdiente als durch den festen Vorsatz, alles Mögliche zu thun, meinen zukünftigen Mann recht fröhlich und womöglich glücklich zu machen, und dadurch den Beifall des guten Volkes zu verdienen. Ja, bester Freund, es war eine feierliche Stunde für mich, in der ich Berlins Einwohnerin ward und gleichsam von allen meinen Lieben, Eltern, Geschwistern und Freunden losgerissen

aber nie werde ich diesen Augenblick bereuen, da ich hier so ganz so unaussprechlich glücklich bin an der Seite eines in jedem Sinn rechtschaffenen Mannes.

Aber nun, da ich Dir viel von meinen Gefühlen des Glückes, der Dankbarkeit und Zufriedenheit gesagt habe, nun heraus mit der Sprache, Madame, und gestehen Sie nur, daß Sie eine faule, unerträgliche Person ist, die man, wenn man sie nicht besser kennte, für eine gefühllose, abscheuliche Freundin halten müßte

hingegen, lieber George, kennst Du das Innere meines Häuslichen, weißt, daß mein Mann glücklicherweise immer bei mir ist, kennst die Pflichten, die mir als guter Hausfrau und Mutter obliegen, nicht wahr, Du verzeihest mir nun mein langes Stillschweigen und liebst mich nun und immerfort als Deine gute Schwester? Hier liegt ein Brief an Dich angefangen seit acht Tagen, da kam aber mein lieber Mann dazu und sagte: >Sollst nicht schreiben, sollst hübsch lustig sein.< Wer kann da Nein sagen! Dann waren die Prinzessinen von Coburg hier, die ... viel bei mir vorlieb nahmen. Sie sind sehr liebenswürdig. Ganz Natur aber guter Natur, keine Prinzessinen, nähmlich nicht stolz und eingebildet, sondern gut erzogen, sanft, modest, eben das, was dazu gehört, um zu gefallen. Die Mutter voller Verstand, nicht hübsch, aber ein Ausdruck von Güte auf ihrem Gesichte, was jeden für sie einnimmt.

Wie die Prinzessinnen aussehen, davon ein Mündliches, weil es zu weitläufig wäre, es zu schreiben, nur so viel: ich glaube, sie können und werden ihre Männer glücklich machen, weil sie gut sind ...

Einige Jahre später antwortete sie auf einen Brief ihres Bruders: Dein letzter Brief ist mir den 6. zugekommen. Der Inhalt hat mich sehr erfreut, da ich im Stande war, Dir Erheiterung zu verschaffen in dem Augenblick, wo sich die Welt verfinsterte. Wenn Du die letzteren, die an Euch abgingen, nicht so ruhig findest, als Ihr nach den ersteren mit Recht erwarten konntet, so will ich Dir darauf antworten, daß mich nichts in der Welt so erschüttert, als gute Menschen untergehen sehen, Hoffnungen aufgeben müssen, die auf Tugend gebaut waren.

Auf der anderen Seite aber das Böse, von dem man wußte, es lebt, es wirkt, es ist da, in der Nähe zu sehen, es aber zugleich tausendmal fürchterlicher zu finden, als je der schwache Geist es ahnen kann, das erschüttert auch. Genug, bester George, in der Nähe Zeuge des zu sein, was ich erlebte, da gehört Riesenkraft zu es auszuhalten, und dennoch reicht sie nicht. Eine Zusammenkunft dreier gekrönter Häupter! Kann man sich denken, daß diese ohne Folgen sein kann, die nicht von Größe und Milde zeugen, die nicht auf eine ausgezeichnete Art enden müsse? Statt dessen finde ich, als ich nach T. kam, einen Götzen, der angebetet wird (und dieser Götze ist von einem noch unbekannten, ungenannten Metall), und der die andern beiden gekrönten geradezu mit Füßen tritt. Es sind da Particularitäten geschehen, wovon man keinen Begriff hat, bis man sie von einem Augenzeugen selbst gehört hat, die zugleich die höchste Verderbtheit, Kälte, Infamie der einen Partei verrathen und die Schwäche der andern, die dann freilich die Oberhand stark hatte. -