Ja, sagt der junge Mann, ich komme aus Bad Waldliesborn. Bad Waldliesborn?

Klingt das nicht wie ein deutsches Märchen? Der junge Mann sagt, dass sein Vater eine Landwirtschaft und seine Mutter eine Pension habe und dass seit 40 Jahren Fräulein Uhlenbrock zu Gast sei. Manchmal trage die Bibliothekarin eine Art Turban auf dem Kopf und einen Sonnenschirm in der Hand. Ehrlich gesagt, fügt der junge Mann hinzu, wissen wir gar nicht, ob Fräulein Uhlenbrock nicht Fräulein Uhlenbruck heißt. Die erste und einzige Gästeeintragung habe man verloren, und da man sich nach all den Jahren nicht mehr traue, nach dem richtigen Namen zu fragen, schreibe die Mutter das o in Fräulein Uhlenbrock immer auch wie ein u. Jedenfalls fühlt sich das Fräulein wie zu Hause. Läuft morgens etwas trutschig in die Küche der Pension, um sich einen Haferbrei zu kochen. Jeder Griff sitzt. Man gehört doch schon zur Familie, sagt Fräulein Uhlenbrock. Was maßlos untertrieben ist. Denn das Fräulein weiß mehr als manch ein Familienmitglied. Zum Beispiel vor einigen Jahren: Der junge Mann sollte bei der Ernte helfen, entschuldigte sich mit dem Vorwand, einen Sprachkurs in Berlin zu machen, flog statt dessen aber nach New York. Wer wusste Bescheid? Fräulein Uhlenbrock, die wieder im Garten sitzt und unschuldig ins Grüne blickt, als wüsste sie von nichts. Ob sie sich woanders erholen könnte? Nein, Urlaub mache ich hier oder nirgendwo.

Der Fall Uhlenbrock gibt allen Grund, über Stammgäste nachzudenken. Ist das Phänomen Stammgast nicht ein Relikt aus vergangenen Jahrhunderten? Als Pensionen noch Namen wie Goldener Adler oder Deutsche Eiche trugen? Als gehäkelte Deckchen auf Schanktischen lagen und Urlauber ihre Liebe zum Ort in Gästebüchern verewigten? Passt der Stammgast noch in eine Zeit, in der das Angestammte ständig zur Disposition steht? Natürlich kennt man ihn aus der Literatur. E. T. A. Hoffmann wurde Stammgast im Berliner Weinhaus Lutter und Wegner, Graham Greene in Havannas Altstadthotel Inglaterra. Und Thomas Mann schickte Tony Buddenbrook (die ja auch Buddenbruck heißen könnte) in großer Regelmäßigkeit zur Naherholung nach Travemünde. Auch Tony Buddenbrook trug einen Sonnenschirm, bindfadengrau, mit Spitzen besetzt. Was für eine prachtvolle Luft, schwärmte sie. Man riecht den Tang bis hierher. Ich bin entsetzlich froh, wieder in Travemünde zu sein!

Wenn wir nach Travemünde kommen und den Skandinavienkai passieren, dann laufen mir die Tränen runter, sagt Maria Sudek, eine Dame, in deren Gesicht das Leben tiefe Linien gezeichnet hat. Maria Sudek ist 90 Jahre alt, seit 65 Jahren mit ihrem Mann Alfred verheiratet und zum 51. Mal zur Erholung in Travemünde. Im vergangenen Jahr fuhren die Sudeks noch selbst mit dem Auto von Essen bis zur Ostsee. Vor zwei Wochen brachte die Tochter sie hierher.

Die Kinder wollen ja noch länger was von uns haben, sagt Maria Sudek und wird dabei in ihrem Zimmer im Hotel Sonnenklause von einem Anruf unterbrochen. Nimmst du ab, Goldchen?, fragt Herr Sudek. Und als seine Frau zurückkommt, sagt sie: Das war Herr ..., der ist ja wahnsinnig alt geworden, der erzählt immer das Gleiche.

Die Sudeks erzählen viel. Aber nie das Gleiche. Dafür ist ihr Tagesablauf immer gleich. Morgens Aufstehen, halb acht. Dann zum Bewegungsbad.

Anschließend: ein Strandspaziergang, manchmal zur Steilküste hoch, auf keinen Fall Mittagessen (Da verliert man kostbare Zeit, sagt Herr Sudek), später kurz Ruhe, ein Tee und die Zeitung, abends Essen im Strandschlösschen oder in der Strandperle und Treffen mit Bekannten. Travemünde ist eine zweite Heimat, sagt Frau Sudek.