Der Empfang ist frostig. Manu Chao hat schon vor 150 000 Mexikanern gespielt und die Truppen des Subcommandante Marcos unterhalten, er sang in den Bars und Stadien Südamerikas und vor den marokkanischen Papierlosen in Ceuta, auf dem Weltsozialforum in Porto Alegre und in chilenischen Gefängnissen, er wird Tage später in Genua auftreten mit Wollkappe, Gitarre und seiner neunköpfigen Band. Und wo er spielt, bricht Verzückung aus.

Hier oben aber, auf einem grünen Hügel hinter Bern, regnet es seit Stunden.

Ein kalter Wind zerrt an den Kleidern, Nebel kriecht über das Gelände und hüllt die Bühne ein. Die Leute stehen im Schlamm, erschöpft und frierend, sie haben den ganzen Tag auf ihn gewartet. Im Grunde warten sie seit Jahren

obwohl Manu Chao mit Mano Negra, seiner mediterranen Punkband aus Paris, zwölf Jahre lang unterwegs war kennen ihn die meisten bloß von Clandestino, seiner ersten Soloplatte, die 1998 auf den Markt geschoben wurde und sich zur allgemeinen Überraschung zweieinhalb Millionen Mal verkaufte. Worauf der Sänger ausschweifende Tourneen durchführte, aber nicht in der Ersten Welt, sondern in der Dritten.

Seine Reisen werden Musik. Flamenco-Akkorde flackern über trägen Reggae-Basslinien, scharfe Bläsersätze punktieren die Refrains, kubanische Rhythmen kollidieren mit der Rock-'n'-Roll-Figur des Mariuana Boogie, ein Sampler streut Reden und Geräusche ein, es pfeift und schrillt, es dröhnt und rumpelt, derweil sich Chao auf Spanisch, Französisch, Englisch, Arabisch und Portugiesisch durchsingt. Unvermittelt biegt eine Ballade in rauen Punk, verdickt sich eine Blues-Schraffur zum Fußballlied. Die dargebotenen Songs sind entweder unveröffentlicht oder umarrangiert, und obwohl seine neue Platte bloß eine schlechte Kopie seiner alten ist, hört man es ihr im Konzert nicht an. Es regnet weiter, aber es ist nicht mehr kalt. Die Leute stehen wie elektrisiert, dann beginnen sie zu tanzen, Applaus brandet auf, am Ende lassen sie ihn nicht mehr von der Bühne. Dass er in Barcelona gelegentlich in der U-Bahn Musik macht, einfach so, und dass die Leute ihm dann sagen, du spielst fast so gut wie er: Man glaubt ihm beides.

Manu Chao spielt überall, er spielt für viele, er spielt alles: ein Musikverwerter, der mit seinen Digitalgeräten die Welt bereist und das Gehörte in seinem kleinen Studio zur Platte komprimiert. Während seine Kollegen im Studio hocken und die Musik der Dritten Welt als ethnologisches Ornament einsampeln, reist er der Musik mit seiner Gitarre nach - lokal zuhören, global erzählen. Manu Chao ist der erste Rockstar seit Bob Marley, in dem sich auch die Dritte Welt erkennt. Im Westen erreicht er ein Publikum, das ihn als singenden Neckermann benutzt oder zum Kampfgefährten gegen die Globalisierung verklärt.

Das aber war schon Marley so ergangen. "Um eine politische Botschaft zu kastrieren", hat Julie Burchill einmal geschrieben, "gibt es nichts Besseres als einen pochenden Viervierteltakt." Das muss auch ihm klar sein. Der Sohn eines galizisch-spanischen Kommunistenpaares, während der Franco-Diktatur im Pariser Exil aufgewachsen, lebt in bewussten Widersprüchen. Er hat einerseits bei Virgin unterschrieben, der Firma des maßlosen Richard Branson, überweist aber einen Teil seiner Autorenrechte der Chiapas-Bewegung. Für sein Berner Konzert kassiert er umgerechnet 160 000 Mark, an armen Orten spielt er dafür gratis und oft stundenlang. Er will niemandem gehören, schon gar nicht den Politikern, hält seine Pressekonferenzen in südamerikanischen Diktaturen, aber im Beisein lokaler Oppositionspolitiker ab. Er nennt das "Promotion als Agitation", weiß aber genau, dass diese Agitation auch zum Marketing gehört und seine CDs bei Börsenmaklern ebenso begehrt sind wie bei bolivianischen Landarbeitern: "Nichts verkauft sich heutzutage so gut", spottet der 40-Jährige, der unter einem Poster von Ché Guevara aufwuchs und selber ebenso gut aussieht, "wie die Rebellion".