Mit einer gewissen Ehrfurcht wird der Name genannt, in Feier- und Weihestunden an ihn erinnert, doch kennt man ihn noch wirklich? Seine Schriften? Dabei bezaubern sie bis heute - durch ihre Melancholie. Fast jeder Satz, den man von ihm liest, ist wie in Moll geschrieben. Selbst wenn er von der unfassbaren Größe des Schöpfers und seiner Schöpfung schwärmt, spürt man sein tiefes metaphysisches Leiden an dieser Größe. Seine Melancholie ist zeitlos, und so berührt sie uns wie die eines Zeitgenossen.

Doch zieht er uns auch an durch seine Wahrheitsliebe - und durch ihr Scheitern an der Wirklichkeit. Hier wusste einer mehr, als für seine Zeit (und für ihn selbst!) gut war. Er war zwar ein mit allerhöchsten Ämtern betrauter Diener der katholischen Kirche, aber sein Denken war teilweise auf eine verblüffende, ja geradezu ketzerische Weise unkatholisch. Es war sein Glück, dass die obersten kirchlichen Autoritäten seiner Zeit dieses nicht gesehen haben oder nicht sehen wollten. Hundert Jahre nach ihm wird Giordano Bruno seine Lehren wieder aufgreifen und dafür auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden.

Nikolaus von Kues oder, latinisiert, Nicolaus Cusanus, der eigentlich Nikolaus Krebs heißt, kommt 1401 (den Tag und den Monat weiß keine Chronik zu nennen) im kleinen Ort Kues an der Mosel zur Welt. Er ist der Sohn eines wohlhabenden Weinbauern. Bereits mit zwölf Jahren verlässt er sein Elternhaus

drei Jahre später bezieht er die Universität in Heidelberg - ein solch früher Studienbeginn ist damals durchaus üblich. 1417 sehen wir ihn in Padua, wo er ein sechsjähriges freies Studium an der berühmten Universität der Stadt beginnt, an der zweihundert Jahre später Galilei lehren sollte.

Damit befindet er sich im Zentrum der geistigen Welt seiner Zeit.

Der junge Herr Cusanus studiert alles, was es damals zu studieren gibt - außer Theologie. Er hört Vorlesungen über Mathematik, Physik, Astronomie, Medizin, antike Philosophie und Jurisprudenz, in der er auch den Doktortitel erwirbt. Da ist er 22. Erst danach bezieht er die theologische Fakultät, allerdings nicht mehr in Padua, sondern in Köln

die Naturwissenschaften bilden gewissermaßen das Fundament für das theologische Gebäude. Es ist der Beginn seiner erstaunlichen Karriere als Kirchenmann.