Wilderness Nationalpark Val Grande - klingt gut, Domodossola erst recht, hat Adrian, acht Jahre, gnädig meinem Vorschlag zugestimmt.Und so sind wir losgefahren.Erst nach Bern.Später durch die grandiose Walliser Bergwelt den Simplonpass hinauf und am Fluss entlang das Ossolatal hinunter. Domodossola ist das Zentrum der italienischen Region Ossola im Piemont.Der Nationalpark liegt keine 100 Kilometer von Mailand entfernt direkt oberhalb des Lago Maggiore.Dennoch bohren sich das Ossolatal und seine Nebentäler, zu denen das Val Grande gehört, tief in die Schweiz hinein.Die kulturellen und selbst die sprachlichen Verbindungen zu den Eidgenossen sind groß. Mietet euch unten am Lago di Mergozzo ein.Nur drei Kilometer vom Lago Maggiore entfernt, aber völlig ruhig, wird uns in Domodossola geraten. Mergozzo ist ein gutes Basislager für Urlaub mit Kind.Ideal zum Schwimmen, zwei kleine Hotels, eine Ferienanlage und ein mittelalterlich anmutender Ort, in dem sich am frühen Abend die Familien mit Kindern vor der Trattoria La Cantina zum kulinarischen Highlight des Tages treffen - Pizza, was sonst. Am nächsten Tag verschaffen wir uns zunächst einen Überblick über das Val Grande.An den Almhütten von Ruspesso vorbei erreichen wir locker die 1000 Meter hoch gelegene Schutzhütte Fantoli.Trotz des Trubels unten am See sind wir die einzigen Gäste.Hinter dem Gebirgsbach steigt ein Pfad steil nach rechts in den Wald auf.Der Weg ist glitschig.Nur mühsam kommen wir voran. Ich bin doch kein Steinbock, mault Adrian.Aber auf dem Gipfel des 1352 Meter hohen Monte Faié entschädigen grandiose Blicke auf die Eisfelder des Monte Rosa, das dicht bewaldete Val Grande sowie 1000 Meter direkt unter uns den Lago Maggiore und unseren kleinen See.Der Rückweg über steile Wiesenhänge ist schnell gefunden.Vor der Fantoli-Hütte duftet schon die Polenta.Schnell sind die Strapazen vergessen. Cicogna ist die heimliche Hauptstadt des Val Grande.Wir folgen der Nationalparkstraße nach Rovegro.Jetzt fehlen noch sieben Kilometer bis zu dem abgeschiedenen Bergdorf.Hinter dem Tunnel unten am Rio Val Grande stellen wir entnervt unser Auto ab und starren zuerst auf die Wanderkarte, dann ungläubig auf das dreisprachige Schild Lebensgefahr.Der hübsche Weg läuft harmlos an einem Kanal entlang.Feste Balken, Holzgeländer, unter uns kleine Wasserfälle.Auf der anderen Seite der Brücke Stufen im Fe ls und eine stabile Hängebrücke aus Eisen für Fußgänger.Wir folgen dem Fluss, der dem Nationalpark seinen Namen gibt.Immer auf gleicher Höhe. Hinter einer Biegung schreit Adrian plötzlich auf.Er ist mit einem Fuß in den Steg eingebrochen.Ohne dass wir es gemerkt haben, ist der vermeintliche Wanderweg zu einem ungesicherten Pfad mutiert.Morsche Holzbretter im Fels, abgebrochene Planken und abgestürzte Geländer.Dahinter glitschige Steine. Von Meter zu Meter wird es feuchter.Überall dringt Wasser aus den Felsen. Mit zittrigen Knien tasten wir uns zurück in sicheres Terrain. Neue Karten müssen her Im Circolo, der Bar von Cicogna, treffen wir auf Christian.Der IBM-Aussteiger - immer bis Mitternacht - verbringt nun seine Tage in der Wildnis des Val Grande, bis im Oktober der Letzte in Cicogna die Rolladen dichtmacht.Sein Tipp Pogallo ist genau das Richtige für uns.Der Wanderweg ist mit EU-Mitteln neu angelegt und verläuft von Cicogna zu den Almhütten von Pogallo.Mehr oder weniger auf gleicher Höhe, aber sehr steil und hoch über dem Rio Pogallo bewegen wir uns vorw ärts.Man hört Wasserfälle.Manchmal blitzen Flussläufe in der Sonne auf. Lass uns runtersteigen und baden, bettelt Adrian.Aber kein Weg führt hinab. Vielleicht hätten wir Claudia Movalli eher treffen sollen. Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg: Mit Kafka erklärt uns die junge Biologin auf dem Rückweg in Rovegro die Situation.Die Karten sind veraltet.Sie zeigen Wanderwege, die nicht mehr existieren.Die Parkverwaltung wird zunächst einmal die 18 Hauptpfade durch das Val Grande wiederherstellen, bevor sie neues Kartenmaterial herausgibt.Wir sind tatsächlich in Italiens letzter wilderness, wie der Parco Nazionale offiziell im Untertitel heißt. Aus purer Not drangen einst die Ärmsten der Armen in das unzugängliche Bergland vor.Ein bisschen Viehzucht, dazu Holz, das in den Wildbächen abgeflößt wurde.Ein Leben am Rande des Existenzminimums.In Erwartung eines deutschösterreichischen Angriffs durch die Schweiz bauten die Italiener im Ersten Weltkrieg eine befestigte Militärstraße am Rande des Val Grande.Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Italiens wildestes Bergland endgültig ver- und sich selbst überlassen.Knapp 50 Jahre später erinnerte m an sich des vergessenen Tals und erklärte ein 15 000 Hektar großes Gebiet zum Nationalpark. Für Claudia und ihre Forscherkollegen, die sich als Einzige in der Kernzone aufhalten dürfen, ein einmaliger Glücksfall.Sie können Natur im Urzustand beobachten, wie sie sich ohne menschliches Einwirken entwickelt.Für Wanderer mit ihren Kindern ist es ein wenig beschwerlich, dass der Nationalpark bisher hauptsächlich auf dem Papier existiert. Von Colloro aus ist es am einfachsten und schönsten, tief ins Val Grande hineinzugehen, empfiehlt uns Claudia beim Abschied. Colloro ist die zweite Gemeinde innerhalb des Nationalparks, aber anders als Cicogna ständig bewohnt und mit dem Auto bequem zu erreichen.Wir stellen den Wagen in einer Nische hoch über dem Dorf ab.In dem lange verlassenen Ortsteil oberhalb des Bergdorfs ist in den letzten Jahren so etwas wie ein Frankfurter Hügel entstanden.Mit dem Hubschrauber lassen sich die neuen Besitzer die Baumaterialien zu ihren Häusern fliegen.Bezahlt wird nach Flugstunden. Viel billiger, als die Sachen durch das steile Gelände hochtragen zu lassen, erklärt uns Sybille.Die Rechtsanwältin aus Frankfurt verbringt hier jede freie Minute, seit sie vor sechs Jahren ein verfallenes Haus gekauft und restauriert hat.Sybille und ihr Sohn begleiten uns in die Berge.Nach links biegt ein Weg zur Alpe Capraga ab, aber Pietro folgt dem Nationalparkwegweiser.Unser sehniger, wettergegerbter Führer ist alt, so wie die meisten Einwohner von Colloro.Die Jungen ziehen ins Tal ode r gehen gleich nach Mailand. Hinter der Alpe Piana wird es sehr steil.Von den im Sommer als Ferienhäuser benutzten Hütten bis zur Passhöhe Colma di Premosello sind es noch einmal fast drei Stunden.Wir schlagen das Zelt auf.Wir schauen von der gerade eröffneten Schutzhütte aus 1758 Meter Höhe tief hinunter in das verlorene, vergessene große Tal.Die Alpen glühen.Einen der Gipfel werde er später mal als Erster besteigen und ihm seinen Namen geben, flüstert mein Sohn: goldener Berg des Adrian.

Information Anreise: Mit dem Auto oder Zug durch die Schweiz (Basel-Bern) bis Brig, von dort über den Simplonpass oder durch den Tunnel nach Domodossola.Die Bahnfahrt kostet mit dem Italiensparpreis 330, für zwei Personen 495 Mark Nationalpark: Den Besuchern stehen im Sommer vier Infozentren zur Verfügung - in Rovegro, in Premosello, in Intragna (am Lago Maggiore), in Malesco (im Vigezzotal an der Schweizer Grenze).Eine mehrtägige Durchquerung des Val Grande ist nur mit Führung zu empfehlen.De r Alpenverein APTL Ossola, Tel. 0039-0324/24 82 65, vermittelt Führer Wanderkarten: Istituto Geografico Militare, 1:25 000, Blatt 15, 16, 30 und 31.Das italienische Kartenmaterial ist allerdings veraltet.Die Schweizer Carta Nazionale Svizzera 1:50 0 00 ist zu ungenau Unterkunft: Hotel La Quartina, Via Pallanza 20, 28802 Mergozzo,Tel. 0039-0323/801 18, Fax 807 43, nettes Haus mit schönem Badestrand.DZ etwa 180 Mark.Camping Lago delle Fate, Via Pallanza 22, 28802 Mergozzo, Tel. 0039-0323/803 26, ruhiger Zeltplatz direkt am See.Rifugio Fantoli, Tel. 0039-0330/20 60 03, im Sommer bewirtschaftete Berghütte Internet: www.parks.it/parconazionale.valgrande