Die Geschichte der Immigration in Großbritannien begann mit innerbritischen Wanderungsbewegungen. Iren und Hochlandschotten zogen im 19.

Jahrhundert zu Hunderttausenden als Billiglohnarbeiter in die Industriestädte des englischen Nordens und des schottischen Südens. Spannungen, die damals entstanden, sind bis heute nicht ausgestanden: etwa in Glasgow, wo sich Anhänger des irisch-katholischen Fußballclubs Celtic mit schottischprotestantischen Rangers-Fans Scharmützel liefern, die bis heute zuweilen tödlich enden.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts suchten dann viele Polen und Juden auf der Insel Zuflucht. Die meisten sind heute integriert. Andere bevölkern Enklaven im Norden Londons. In den fünfziger und sechziger Jahren holte man Arbeiter aus dem Commonwealth ins Land, vor allem Männer und Frauen von den westindischen Inseln und aus Pakistan. Erstere hielten die Eisenbahnen und Londons U-Bahn in Gang, Pakistanis bemannten die Nachtschichten in den großen Textilfabriken des Nordens und schufteten in den Schuhfabriken der Midlands.

Anfang der siebziger Jahre traf eine Flüchtlingswelle aus Ostafrika und Uganda ein, wo nachkoloniale Diktaturen, die ihre schwarze Identität nicht selten gewaltsam zur Geltung brachten, einen vom indischen Subkontinent stammenden Mittelstand vertrieben, der sich dort in den Tagen des Empire niedergelassen hatte. In jüngster Zeit wurde Großbritannien einer der begehrtesten europäischen Zielorte für Flüchtlinge aus aller Welt. Die Hauptattraktion ist London.

Mehr als 30 ethnische Minderheiten mit jeweils über 10 000 Mitgliedern leben heute in der britischen Hauptstadt. Über 300 Sprachen werden hier tagtäglich gesprochen. Das multinationale Flair der Weltmetropole täuscht allerdings über die Bedingungen anderswo auf der Insel hinweg. In weiten Teilen des Landes sind die Menschen so weiß wie Zuckerbäcker - und manchmal von blindem Rassismus beseelt. Erst vergangene Woche wurde ein Asylanwärter im Osten Glasgows ermordet. Ein Zweiter wurde durch Messerstiche schwer verletzt.

Ethnische Minderheiten, meistens mit englischem Pass ausgestattet, machen in Großbritannien nur 6,4 Prozent der Bevölkerung aus, weniger als in Deutschland. Die meisten Immigranten und ihre Nachfahren konzentrieren sich in wenigen Städten, wo sie in immer geschlosseneren Verbünden leben. Zu 80 oder 90 Prozent pakistanische Stadtviertel sind nichts Ungewöhnliches. Die Segregation wird vielerorts von ethnischen Führern vorangetrieben. Aber auch mancher linke Lokalpolitiker fördert unter dem Banner des britisch verstandenen Multikulturalismus das Fortschreiten der sozialen Entmischung.

Die New York Times porträtierte im Februar dieses Jahres Leicester als leuchtendes Beispiel für Vielfalt und Toleranz - jene Stadt, die demografischen Vorhersagen zufolge in einem Jahrzehnt als erste britische Stadt eine nichtweiße Mehrheit haben soll. Aus distanzierter amerikanischer Perspektive mag das Lob zutreffen. In Großbritannien sorgen sich allerdings immer mehr Menschen um das zukünftige Miteinander. 1996 führten ganze drei Prozent der bei einer Erhebung Befragten "Rassenbeziehungen" als eins der wichtigsten Probleme an, mit dem das Land sich auseinander setzen müsse.