Meine Freundin trägt einen Snoopy-BH. Sie kann nichts dafür, sie ist Opfer einer großen Infantilisierungswelle, die vor allem Frauen zwischen 20 und 40 erfasst. Wir wissen ja schon lange, dass Altern nur etwas für Verlierer ist.

Keiner hat mehr gern Geburtstag, und Haarfärbemittel liegen voll im Trend.

Der Jugendwahn hat eine neue Dimension erreicht: Reihenweise erliegen Erwachsene dem Charme von Baby-Accessoires. Auf internationalen Laufstegen sieht es derzeit wie in einer Krabbelgruppe aus. Rüschen, Schürzen, Babydoll und Kniestrümpfe - damit macht das japanische Designerduo Eley Kishimoto Furore. Und das sündhaft teure Zeug verkauft sich bestens. Nicht nur modisch fliehen vor allem Frauen ins Kinderzimmer. Studentinnen finden es chic, im Auto Drei Fragezeichen-Kassetten zu hören und sie mit ihren Kommilitonen auszutauschen. Andere treffen sich jeden Sonntagmittag, um gemeinsam die Sendung mit der Maus zu schauen. Vergeblich versuche ich, über diese Auswüchse mit meiner trendbewussten Freundin zu diskutieren, erkläre geduldig, dass ein Snoopy-Gesicht auf dem BH nichts verloren hat und dass ein babyhafter Büstenhalter den Busen auch nicht jünger macht. Die Predigt stößt auf taube Ohren. Denn meine Freundin hat viele Gleichgesinnte, und ich muss hilflos mit ansehen, wie die Hello-Kitty-Hysterie nun auch in Europa ihren Höhepunkt erreicht. Wer noch Beweise sehen will für die unfassbare Verkindlichung breiter Bevölkerungsgruppen, der braucht sich nur den unnatürlichen Erfolg dieser Marke vor Augen zu führen. Mit dem japanischen Spielzeugkätzchen, das eigentlich für Fünfjährige konzipiert war, setzt der Konzern inzwischen weltweit eine Milliarde Mark um. Jeden Monat werden 100 (!) neue Produkte, von der Duschhaube bis zum Toaster, mit Kittys ausdruckslosem Konterfei auf den Markt geworfen. Die Hauptkunden sind junge Frauen und Schwule, wie die niedliche Verkäuferin aus dem Hello-Kitty-Store zu berichten weiß. Es ist zum Verzweifeln. Alle Welt macht auf niedlich und will dafür auch noch geliebt werden. Hat die Verkindlichung vielleicht etwas mit der drohenden Überalterung zu tun? Fest steht: In 50 Jahren wird unsere Gesellschaft hauptsächlich aus Greisen bestehen. Und jetzt bäumt sich ein Teil der Alten von morgen verzweifelt auf. Eine schreckliche Vision für uns andere, die wir in Würde altern wollen: eine Welt voller Gagasenioren mit einem Hang zum Kleinkinderdasein. Danke, Kitty!

Die Autorin moderiert und leitet das TV-Magazin Polylux, jeden Montag um Mitternacht in der ARD