Heute pilgern wir nach Sevilla. Unser Reiseleiter, der Komponist Isaac Albéniz, hat einen Besuch beim Fronleichnamsfest geplant. Prächtige Prozessionen, Tänze, gleißende Farben, heiliger Ernst, von Sonne überschüttet: So erleben wir El Corpus Christi en Sevilla. Dies ist erst die dritte Station und doch ein frühes Finale.

Zwölf Impressionen für Klavier unter dem Titel Iberia, auf vier Hefte verteilt, schreibt der Spanier Albéniz (1860 bis 1909) wenige Jahre vor seinem Tod in Paris. Sein Heimweh ist so groß, dass er den Flügel zum Orchester macht, dem keine Nuance entgeht. Die Dynamik ist gespreizt ins Riesenhafte. Lauter und leiser (fünffaches Forte und Piano) ist für Klavier nie komponiert worden - gefächert auf unendliche Klangspreizungen, maurische Bronzetöne, Echo-Fluten, saturierte Akkorde, drei Notensysteme. Doch bei allem Luxus, den Albéniz aus Gassen und Plätzen dringen lässt: Seine Bilder sind Beschwörungen. Sie erstarren. Rhythmen gefrieren. Und die ekstatische Magie in Corpus Christi verwandelt sich ins Rituelle, Lässigkeit in Schwermut.

Durch Konzertsäle führt der komplette Iberia-Pilgerweg fast nie. Die Stücke sind so schwer, dass sich die Finger blöd dran üben. Doch gibt es immer wieder Enthusiasten und Opfermütige, die nicht nur die Orangen herauspicken.

Martin Jones (Nimbus 5595/8, Vertrieb: Naxos) liebt vor allem die Zonen des Nervenkitzels. Er liegt ihm prächtig in der Hand, die cembalistischen Praller zucken, die Tänze schwirren, ruhelos geht es voran. Nebenbei neigt das Klavier zum Klirren. Manchmal müsste Jones, der forsche Wanderer, aber zum Träumer werden. Wenn Albéniz' Andacht sich zu verlieren scheint und doch in gigantische Architektur gegossen ist (im Nocturne Almera), fehlt Jones etwas der Atem fürs Ganze.

Nicholas Unwin hingegen (Chandos 9850, Vertrieb: Koch) denkt Iberia wie von der Gitarre. Niemand spielt diese Musik so luftig. Sein Flügel scheint kein Pedal zu haben. Seine Scheu vor Krafttönen macht aus Lavapiés mit seinen Geistersprüngen eine zum Schweben dressierte Ballettstudie. Vor Albéniz' Expansionen schrickt Unwin allerdings zurück. Und in Málaga täten ein paar Stiere auf der Klaviatur gut.

Auf halber Strecke, nach zwei Bänden, hat Daniel Barenboim (Teldec 8573-81703) bereits Siesta eingelegt Fortsetzung geplant. Er ist der Enzyklopädist im Trio - angetreten, alles aus der Partitur zu zaubern, was drinsteckt. Das Klavier leuchtet. Im Lyrischen herrscht König Daniel. Aber er spielt manchmal, wenn Albéniz' Musik nur Ahnung ist und nicht Gewissheit, reichlich pädagogisch: Hören Sie diese Mittelstimme! Sein Pedal aber ist der feinste Hebel der Mechanikgeschichte. Es ist Barenboims elfter Finger.