Eifrig rappeln die Wohnmaschinisten, ungebrochen ist ihr Glaube an die Macht der Haustechnik. Fenster, die bei Regen von allein schließen, Rollläden, die auf Zuruf herunterrasseln, Badewannen, die sich per Internet-Kommando füllen - das sind die jüngsten Verheißungen der Bau- und Computerindustriellen. Intelligente Architektur nennen sie diesen dioden- und kabelumschlungenen Wohntraum. Und verschweigen, dass in den High-Tech-Hütten vor allem die Intelligenz der Bewohner gefordert ist, um die vielen Regler, Schalter, Knöpfchen zu beherrschen. Das Haus dient nicht mehr, sondern will bedient sein und liefert die Bedienungsanleitung gleich mit.

Gehört also die Zukunft des Wohnens den Programmierern? Zumindest haben die Architekten den Techniktüftlern im Moment nur wenig entgegenzusetzen. Seit Jahrzehnten entwerfen sie immer dieselben Grundrisse für immer die gleiche Vierkopf-Idealfamilie, vor allem der Geschosswohnungsbau (wie hässlich allein der Begriff!) ist durch Einfallslosigkeit gestraft. Wer also nicht ins eigene Häuschen am Stadtrand flüchtet, dem bleibt meist nur der Neubaustandard mit niedrigen Decken und Miniküche - eingezwängt ins Schema F.

Doch der Widerstand wächst, gemeinsam mit dem Wohnungsleerstand. Im Kölner Stadtteil Ehrenfeld zum Beispiel, einst ein Malocherviertel, quartieren sich immer mehr Werbeschmieden und Internet-Designer ein, um zu wohnen und zu arbeiten. Nicht etwa, weil hier durchdigitalisierte Zukunftshäuser stünden.

Nein, gerade die rüde Gegenwart des Vergangenen, das Leben im Leerraum aufgelassener Fabriken, lockt die Bildschirmbastler. Und so groß ist die Nachfrage nach dem Unpräparierten, nach Wohnungen ohne vorgestanzten Grundriss, dass sich Bauherren fanden, die auch im Neubau das Offene wagen wollten.

Sie beauftragten Arno Brandlhuber und Bernd Kniess, zwei junge Architekten aus Köln, die sich ein paar Tage zurückzogen, um mit Bauklötzchen ein Modell zu basteln, einen kompakten Block mit komplexem Innenleben. So oder gar nicht wollten sie das Haus bauen, erklärten sie den Auftraggebern dafür werde das Ganze auch nur 2000 Mark pro Quadratmeter kosten. Etwas verdutzt ob der Entschiedenheit waren die Bauherren schon, und doch stimmten sie zu. Es lockte die Rendite.

Heute sind alle Wohnungen längst verkauft, zu üppigen Preisen. Seit einem Jahr ist das Haus nun fertig und doch immer noch im Bau, denn entstanden sind Räume, die von ihren Bewohnern erst erobert und vereinnahmt werden wollen. Es ist eine Architektur, die so kompromisslos auftritt wie ihre Architekten - und gerade deshalb vielfältigste Formen der Aneignung ermöglicht. Keinen Flur, keine Küche, kein Bad hat B&K+, so der Name des Architektenbüros, in den Wohnungen eingeplant, stattdessen bauten sie einen raffinierten Einheitsraum, der sowohl in der Tiefe als auch in der Höhe alle möglichen Ein-, Unter- und Aufteilungen erlaubt. Im Rohzustand öffnet sich ein Drittel jeder Wohnung zu einer zweigeschossigen Halle von rund sechs Meter Höhe, die man nach Belieben mit Galerien oder Zwischendecken füllen kann. Lange ließen sich die meisten Bewohner nicht bitten: Kabuffs und Kemenaten wurden eingebaut, Tonstudios und hängende Toiletten. Die Hochbettästhetik einstiger WGs findet ihren Nachhall - und die Architekten würden bei so viel Heimwerkeridylle am liebsten beide Augen zukneifen. Auf ihre Einrichtungsideen griffen nur zwei Käufer zurück, die übrigen suchten nach ihrer persönlichen Wohnwahrheit. Jeder lebt hier im selben Modul und hat sich doch sein ganz Eigenes geformt: Brandlhuber und Kniess ist eine standardisierte Vielfalt gelungen, ein Fertighaus der Marke Eigenbau.

Baugesellschaften wollen immer nur Mittelmaß Ganz zurückgenommen haben sich die beiden Architekten aber keineswegs: Ihre Wände und Decken aus rustikalem Konstruktionsbeton, die Dielenböden aus dunkler Eiche prägen die Räume. Obwohl dieses Haus also viele Freiheiten eröffnet, ist es keine neutrale Nutzfläche. Auch außen nicht, wo man zunächst nur eine langweilig-strenge Kiste zu sehen meint, auf den zweiten Blick sich aber die vermeintliche Gewissheit verliert. Ein Mosaik aus Riesen-, Schlitz-, Schiebe- und Klappfenstern öffnet die Fassade, und goldglänzende Rahmen durchziehen die grünlich schimmernde Plastikhaut des Hauses. Vor allem dank dieser Materialien, edel und billig zugleich, beiläufig und doch von keinem Baumarkt angeboten, erscheint das Gebäude enthoben, ohne zu stolzen. Statt das Authentische, das Echte zu beschwören, setzt B&K+ aufs Modische und Doppeldeutige.