Die jüngsten Todesfälle im Zusammenhang mit dem Medikament Lipobay der Firma Bayer sind ein Anlass, über Arzneimittel, ihre Nebenwirkungen und ihren Nutzen für die Patienten zu diskutieren. Die Pharmaindustrie betont die Wirksamkeit von Medikamenten oft ohne ganzheitliche Sicht des Patienten, mögliche Risiken tauchen allenfalls im Beipackzettel auf. Eine Debatte über den echten Nutzen von Arzneimitteln findet selten statt. Dadurch entsteht auch ein unguter Druck auf den einzelnen niedergelassenen Arzt, angeblich "innovative" Medikamente zu verschreiben, anstatt Patienten mit millionenfach bewährten Mitteln zu behandeln.

Arzneimittelhersteller verdienen viel Geld mit patentgeschützten Innovationen wie Lipobay, nicht jedoch mit altbekannten patentfreien Substanzen wie Azetylsalizylsäure (Aspirin). Also wird intensiv nach gewinnträchtigen Innovationen geforscht. Diese werden immer wieder unabhängig vom tatsächlichen therapeutischen Nutzen am Markt durchgesetzt. Die mit öffentlichen Mitteln karg ausgestatteten deutschen Universitäten finanzieren einen Großteil ihrer Arzneimittelforschung durch Drittmittel der Pharmaindustrie. Dabei gilt das Motto: Wer zahlt, bestimmt. So wird häufig nicht nur das Forschungsziel durch die Pharmaindustrie festgelegt, sondern auch die Veröffentlichung negativer Ergebnisse begrenzt. Bei zweifelhaften Forschungsergebnissen hilft statistische Aufbereitung: So werden Normwerte für Blutfette nicht mehr - wie früher - aus den Durchschnittswerten der Gesamtbevölkerung definiert, sondern durch einen Konsens drittmittelabhängiger Forscher "marktgerecht" abgesenkt. Bisher Gesunde werden so per Definition behandlungsbedürftige Kranke. Das ist nicht nur ein finanzielles, sondern vor allem auch ein ethisches Problem.

Nicht nur im Bereich des Fettstoffwechsels wird versucht, möglichst viele Menschen als Dauerkonsumenten von Medikamenten zu gewinnen. Ähnlich problematisch sind Hormonbehandlungen für ältere Frauen. Da wird versprochen, die automatische Hormoneinnahme im letzten Lebensdrittel könne nicht nur klimakterische Beschwerden lindern, sondern auch Knochenbrüche, Herzinfarkte und Demenz vermeiden. Wie das Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin zusammen mit dem Wissenschaftlichen Institut der Ortskrankenkassen (WidO) feststellte, lassen sich diese Versprechungen nicht halten. Stattdessen besteht der Verdacht, dass durch Hormonsubstitution rund 7000 Frauen zusätzlich pro Jahr an Brustkrebs oder Gebärmutterhalskrebs erkranken. Doch die Arzneimittelhersteller haben vielerlei Möglichkeiten, ihre Sicht der Dinge darzustellen - etwa auf Fortbildungsveranstaltungen, die von der Industrie bezahlt werden oder durch Zeitungen für die Ärzteschaft, die sich durch Pharmaanzeigen finanzieren. Der Fall Lipobay zeigt die Folgen des Quasi-Informationsmonopols der Pharmaindustrie, aber auch Lösungsmöglichkeiten:

- Eine Änderung der Approbationsordnung muss zukünftig die Vermittlung von Wissen über Nutzen und Risiken von Arzneimitteln im Medizinstudium stärken.

Auch die Weiterbildungsordnung für Fachärzte muss sich dieses Problems annehmen. Sind die Ärztekammern - wie bisher - nicht in der Lage, dies in eigener Hoheit zu bewerkstelligen, sollte der Gesetzgeber die Erstellung der Weiterbildungsordnung an sich ziehen. Außerdem muss eine industrieunabhängige berufsbegleitende Ärztefortbildung verpflichtend werden. Auch Klinikassistenten müssen das gesamte Bild pharmakologischer Möglichkeiten vermittelt bekommen. Bislang gewähren viele Arzneihersteller Klinikapotheken hohe Preisnachlässe für ihre Produkte. Solche Naturalrabatte müssen verboten werden.

- Die Zulassungsverfahren für Langzeittherapien müssen verschärft, Langzeitstudien müssen zwingend vorgeschrieben werden. Das Beispiel Lipobay zeigt, dass wir viel zu wenig über die Wirkung solcher dauerhaft eingesetzten Mittel wissen.

- Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen müssen ausdrücklich berechtigt werden, das Verordnungsverhalten der Ärzte durch unabhängige Informationen zu beeinflussen, ohne sofort existenzbedrohende Millionenklagen der betroffenen Unternehmen befürchten zu müssen.